Interaktive Geschichte

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Eine Magische Geschichte

 geschrieben von Bienlein und Tinkerbell

Es war einmal ein Chatroom, in dem tummelten sich ganz merkwürdige Gestalten. Da gab es eine Figur, die nannte sich Magicraven, das ist der Held unserer kleinen Geschichte. Dieser Raven, wie er kurz genannt wurde - oder auch Magic -, lebte in einer Zeit, die beherrscht war von Computern. Nichts Magisches hatte diese Zeit an sich, deshalb fühlte er sich etwas fehl am Platze. Der einzige Ort, an dem er sich noch wohlfühlte, war der Chatroom. Dort traf er Leute, die ihn verstanden, die den Zauber vergangener Tage ebenfalls vermissten... Doch nicht alle Chatter dachten so...

Der Anführer der Chatter, die nicht Ravens Auffassung waren, war Bienlein, ein Kind des Computer-Zeitalters, der alles daran setzen würde zu verhindern, dass die alte Magie wiederhergestellt werden würde. Doch genau das war es, was Raven und seine Gefolgsleute im Sinn hatten. Sie überlegten, wie sie es hinbekommen könnten, doch es fiel ihnen einfach keine Lösung ein. Schuld daran war zum Teil auch Bienlein, der ihnen einfach keine Ruhe ließ. Er ging sogar soweit, dass er einen Anschlag auf Ravens Leben verübte. Raven überlebte, aber er war schwer verwundet und außer Gefecht gesetzt. Jemand anderer musste seinen Posten übernehmen. Doch wer war stark und mutig genug?

Bevor jedoch diese Frage geklärt werden musste, war die viel wichtigere Aufgabe der Chatter, die auf Ravens Seite standen, dass dieser versorgt wurde. Sein Zustand verschlechterte sich von Stunde zu Stunde und durch Bienleins Manipulationen waren sie bald ohne Hoffnung. Dieser hatte schon vor geraumer Zeit "Emotions-Chips" in alle Computer einbauen lassen, über welche er die Macht hatte, die Menschen zu beeinflussen. Doch gerade als es so schien, als wäre alles verloren, tauchten zwei wunderschöne Feen und ihre Hilfselfe auf. Sie, als Vertreter der Magie und der Traumwelt, hatten davon gehört, dass es auf der Erde immer noch Menschen gab, die darum kämpften die Magie zu erhalten, und dass sich diese in einer misslichen Lage befanden. Darum eilten sie ihnen jetzt zu Hilfe.

Raven erwachte auf kaltem Untergrund. Für einen Moment hatte er keine Ahnung, wer er war, oder warum er hier lag. Doch dann brach die Erinnerung über ihn herein. Er konnte ein Aufstöhnen gerade noch unterdrücken. Er erinnerte sich, den Chatroom betreten zu haben, wie üblich mit einem freundlichen Wort für jeden dort auf den Lippen. Von seinen Anhängern war er mit einem Lächeln begrüßt worden, und die anderen hatten wie üblich finster dreingeschaut. Aber etwas war anders gewesen. Er hatte nicht sagen können, was es war, erst als es zu spät war. Hinter ihm war die Tür ins Schloss gefallen, und alles hatte sich geändert. Die Gesichter seiner Freunde hatten sich zu Grimassen verzogen, aus denen Schmerz und Hass sprach. Doch sie waren geblieben, wo sie waren. Bienlein war vorgetreten. Er hatte hämisch gegrinst.

"Na, wie gefallen dir deine Freunde? Sind sie nicht herzallerliebst, wie sie so vor sich hinsabbern und nicht wissen, ob sie dich nun gleich zu Tode knuddeln oder doch lieber mit Bratpfannen ins Jenseits prügeln sollen? Ich genieße den Anblick!" Bienlein hatte gelacht. Seine Spießgesellen waren in das krankhafte Lachen mit eingefallen, um ihre Loyalität unter Beweis zu stellen.

Übergangslos war er wieder ernst geworden. "Aber den Spaß dich selbst zu töten, Raven, werde ich mir nicht entgehen lassen." Mit diesen Worten hatte er hinter seinen Rücken gegriffen und eine Pistole hervorgeholt, deren Mündung er auf Raven gerichtet hatte. "So stirb denn nun wohl, auf dass die Computer über die Magie siegen!" Dann hatte er abgedrückt. Raven wurde getroffen, herumgewirbelt und zu Boden geschleudert, wo er das Bewusstsein verloren hatte.

Nun war er wieder wach. Offenbar war es mit Bienleins Treffkünsten nicht weit her, denn er lebte noch. Die Frage war nur, wie lange noch. Er hatte keine Ahnung, wie lange er bewusstlos gewesen und was in der Zwischenzeit im Chatroom passiert war.

Plötzlich durchzuckte ihn Schmerz. Er ging von seiner rechten Bauchseite aus. Er konnte ein Stöhnen nicht länger unterdrücken.

Als Antwort hörte er zuerst Schritte, dann wurde es dunkler um ihn herum, als sich jemand über ihn beugte. Raven brauchte die Augen nicht zu öffnen, um zu wissen, dass es Bienlein war. Er spürte es einfach, die Aura des Bösen, die Bienlein umgab, war sehr stark und wäre selbst dem unsensibelsten Menschen aufgefallen.

"Hm, wie ich sehe, lebst du noch. Eigentlich umso besser, denn der Treffer wird dir so noch sehr viele schöne Qualen bescheren." Bienlein lachte.

Der Schatten auf Ravens Lidern verschwand. Er hörte, wie Bienlein mit jemandem flüsterte, wahrscheinlich mit Sevi, seiner ebenso hübschen wie bösen Assistentin - sie war sehr böse. Vielleicht sogar so böse wie Bienlein. Als Antwort auf Bienleins Worte kicherte sie. Das verhieß nichts Gutes für Raven.

Bienlein beugte sich nun wieder über Raven. "Weißt du, ich hab mir das mit meiner 'Ich will Raven töten'-Einstellung noch mal überlegt. Das wäre viel zu human für dich. Es würde mir sehr viel mehr Spaß machen, denke ich, wenn deine Freunde dich langsam umbringen würden."

Raven schlug nun doch die Augen auf. "Das wagst du nicht!" presste er hervor. Die Schmerzen in seinem Unterleib wurden beständig stärker, er musste sich konzentrieren, um überhaupt Bienleins Gesicht, das nur ein paar Handbreit von seinem entfernt war, klar erkennen zu können. In seinem Kopf drehte sich alles, er fühlte sich, als wäre er zu oft auf der schlimmsten Achterbahn der Welt gefahren.

Dennoch fand er irgendwie die Kraft, Bienlein direkt ins Gesicht zu spucken, als einzige Aktion, zu der er in seinem Zustand fähig war. Seine anderen Kräfte waren blockiert, so musste er zu solch einem primitiven Mittel greifen, um Zeit zu schinden.

Bienlein fuhr wie von der Tarantel gestochen zurück. Mit der Hand wischte er sich die Spucke aus der grausig anzusehenden Fratze, die Bienlein sein Gesicht nannte, dabei funkelte er Raven zornig an.

"Du - du - na warte, das zahle ich dir heim!" drohte Bienlein.

"Willst du mich etwa umbringen?" höhnte Raven. "Ach ne, das hattest du ja sowieso vor!"

Bienlein beugte sich wieder zu Raven hinab, aber diesmal nicht so weit, dass ihn dessen Spucke noch mal treffen konnte. In seinen Augen funkelte der Wahnsinn, stärker, als Raven es jemals zuvor bei Bienlein bemerkt hatte.

"Es gibt noch eine Steigerung, Raven, die gibt es immer. Nicht nur, dass deine Freunde dich umbringen, nein!" Bienleins Stimme wurde zu einem verschwörerischen Flüstern, so dass nur noch Raven und Sevi seine Worte verstehen konnten. "Du wirst dich gegen sie wehren und sie dabei verletzen, wenn nicht töten! Was hältst du davon?"

"Wie willst du mich denn dazu kriegen, meine Freunde anzugreifen?" wollte Raven wissen.

Bienlein grinste. "Auf dieselbe Art und Weise, wie ich deine Freunde beeinflusse. Du erinnerst dich an den Emotionschip, den jeder Mensch trägt? Ich habe ihn erfunden... Durch ihn habe ich die vollkommene Kontrolle über jeden Menschen!"

Bienlein lachte hämisch. "Willst du wissen, was wirklich das Beste an meinem Plan, dich aus der Welt zu schaffen, ist? Deine Freunde und du, ihr werdet genau mitkriegen, was ihr macht. Ihr werdet live dabei sein, wenn ihr euch gegenseitig umbringt. Und ihr werdet nichts, aber auch gar nichts dagegen machen können!" Er richtete sich wieder auf. Dann wandte er sich an Sevi. "Tu mir doch den Gefallen, Süße, und aktiviere Ravens Emotionschip, ja?"

Sevi grinste Raven humorlos an und nickte. Dann fischte sie ein Gerät aus der Hosentasche, das an eine Fernbedienung erinnerte. Und genau das war es auch. Aber keine normale Fernbedienung...

Sevi tippte auf der Fernbedienung herum, unverständlich für Raven, doch sie musste die Fernbedienung auf die Frequenz von Ravens Emotionschip programmieren. Als sie damit fertig war, lächelte sie ihren Meister an. Der nickte, und Sevis Finger senkte sich auf einen roten Knopf am oberen Ende der Fernbedienung herab.

In diesem Moment flog die Tür des Chatrooms mit einem gewaltigen Knall auf. Gleißendes Licht strömte in den Raum und blendete die Anwesenden. Raven schloss instinktiv die Augen, doch das Licht drang selbst durch die Lider.

Zum Glück dauerte diese Lichteruption nicht lange an. Doch selbst als das Licht weg war, konnte Raven nicht richtig sehen, er sah nur, wie drei Gestalten den Chatroom betraten und sich vor der Tür aufbauten.

Bienlein schien seine Sehfähigkeit schneller zurückerhalten zu haben, denn Raven hörte, wie er lauthals fluchte.

"Mist, das sind die Elfen, die Bewahrer der Magie!"

Die Elfen? Raven glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Noch immer konnte er die drei Gestalten nur verschwommen erkennen, aber sie schienen weiblichen Geschlechts zu sein. Dennoch - es konnten einfach nicht die Bewahrer der Magie sein, das war unvorstellbar. Seit einer Ewigkeit waren die Elfen nicht mehr in der Welt der Sterblichen gewesen. Warum sollten sie die Erde ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt und an diesem Ort betreten, noch dazu mit einem solchen Auftritt? Kamen sie etwa, um ihn zu retten? Raven hätte über den Gedanken beinahe gelacht, wenn ihm nicht der Unterleib so weh tun würde.

"Was sucht ihr denn hier?" vernahm der am Boden Liegende Bienleins Stimme. Raven schien er vollkommen vergessen zu haben. Gut für Raven. "Wir sind hier, um zu schützen, was geschützt werden muss!" antwortete eine helle weibliche Stimme auf Bienleins Frage. Bienlein lachte. "Wir sind hier, um zu schützen, was geschützt werden muss!" äffte er die Stimme nach. "Und was wäre das? Eure so hochgeschätzte Magie? Pah!"

Mittlerweile hatte Raven sein Sehvermögen vollständig wiedererlangt. Das Erste, was er sah, waren Bienleins Beine. Bei seinen Worten war der Bösewicht einen Schritt zur Seite gegangen und versperrte Raven nun den Blick auf die Neuankömmlinge. So sehr Bienleins Worte und vor allem die eines der Neuankömmlinge auf die Elfen hingedeutet hatten, konnte Raven immer noch nicht glauben, dass es sich wirklich um die Elfen handelte. Dafür musste er sie erst sehen. Wie aufs Stichwort bewegte sich Bienlein erneut. Er trat wieder neben Sevi, die immer noch die Fernbedienung in der Hand hielt, jederzeit bereit, den roten Knopf darauf zu drücken und Raven dadurch in eine willenlose Marionette Bienleins zu verwandeln... Doch dafür hatte Raven in diesem Augenblick keine Aufmerksamkeit. Sein Augenmerk galt einzig und allein den drei Schönheiten, die den Weg durch die Tür versperrten. Drei Elfen... Raven konnte seinen Blick einfach nicht mehr von den dreien abwenden. Kein Zweifel, sie waren es. Sie mussten es sein. In all den Geschichten über sie waren sie genau so beschrieben worden. Raven hatte sie so auch schon im Traum gesehen. Und nun waren sie hier, standen nur ein paar Meter von ihm entfernt. Doch er wusste immer noch nicht genau, warum sie ausgerechnet hier waren...

"Leben ist Magie", fuhr die rechte der drei Gestalten, nun fort. "Nichts, nicht mal die Menschen können ohne Magie leben." Als Antwort darauf erhielten sie allerdings wieder nur ein höhnischen Lachen Bienleins. "So, glaubt ihr? Seltsam, dass jeden Tag immer mehr Menschen ohne eure heilige Magie auskommen, sehr gut sogar." "Diese Menschen leben nicht mehr, Bienlein. Und das solltest du wissen!" sprach jetzt die Elfe weiter, die zuerst das Wort ergriffen hatte. "Mit der Magie haben sie ihre Seele verloren. Sie existieren noch, ja, aber nur noch als Hülle, als Schein, als Schatten ihrer selbst."

"Genau wie du...", fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu. Raven fiel auf, dass eine der drei etwa zwei Schritte hinter die anderen zurück getreten war und sich deutlich im Hintergrund hielt. Doch auch wenn sie nicht so aktiv agierte, wie ihre beiden Mitstreiterinnen, so war sie doch genauso aufmerksam. "Es scheint sie nicht besonders zu stören. Seht es endlich ein, eure Zeit ist vorüber!" Mit diesen Worten wand Bienlein sich von den drei magischen Wesen ab und seiner Assistentin zu. "Worauf wartest du noch Sevi?" "Nur auf euren Befehl, Meister", antwortete sie mit einem hämischen Grinsen.

Die nächsten Geschehnisse ereigneten sich in so schneller Abfolge, dass Raven sich hinterher nicht mehr erinnern konnte, was zuerst passiert war. In dem Moment, als Sevi die Fernbedienung wieder auf ihn richtete, sanken seine Hoffnungen, je wieder ein frei denkendes Individuum zu sein. Er sah, wie die junge Frau ihren Finger auf den roten Knopf drückte, spürte einen Schmerz, als wäre er erneut von einer Kugel getroffen worden und bemerkte, wie seine Sympathien für die Elfen, ja für alles Magische immer weiter sanken. Im selben Augenblick registrierte er, wie eine Welle, einem magnetischen Feld ähnelnd, auf ihn und die zwei Personen an seiner Seite zugerast kam - zuerst nur ausgehend von der rechten der Elfen, doch dann von allen dreien. Die anderen beiden schienen die Kraft der ersten noch zu verstärken, indem sie sich gegenseitig an den Händen fassten und einen Kreis bildeten. Raven nahm noch wahr, wie der Impuls sowohl ihn, als auch Sevi und Bienlein traf und diese daraufhin neben ihm zu Boden gingen. Dann wurde auch um ihn herum alles schwarz.

Bienlein erwachte mit einem dumpfen, stärker werdenden Gefühl im Bauch, dass er instinktiv als Wut identifizierte. Wut auf die Elfen, die alles zunichte gemacht hatten. So dicht war er dem totalen Sieg über Raven gewesen, er hatte ihn schon am Boden zerstört gesehen, verletzt, vielleicht sogar tödlich verwundet durch seine Kugel. Selbst wenn er die Schusswunde überlebt hätte, wie es den Anschein gemacht hatte, wäre er nicht sehr weit gekommen, es hatte nur noch eines Knopfdrucks bedurft, um Raven in Bienleins Marionette zu verwandeln. Und wer weiß, vielleicht hätte er ihn dann nicht sofort töten lassen, wie er es Raven angedroht hatte, sondern hätte noch eine Weile mit ihm gespielt.

Aber soweit war es gar nicht gekommen. Diese Elfen hatten sich einer Magie bedient, von der Bienlein noch nie zuvor gehört hatte. Er wusste nicht, welche Auswirkungen sie noch hatte, doch sie hatte verhindert, dass Raven unter seine Kontrolle geriet.

Er konnte es einfach nicht fassen. So kurz vor seinem Ziel - er musste seine Wut irgendwie abreagieren.

Er stand auf und klopfte sich den Dreck von der Kleidung. Nun sah er sich um. Seine Gefolgsleute waren noch da und kamen eben zu sich. Auch Sevi erhob sich und bückte sich dann noch einmal, um die Fernbedienung aufzuheben, die sie dann in die Hosentasche schob.

Ravens Chatter jedoch waren verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Offenbar hatte die Magie der Elfen sie wegtransportiert - oder aber schlimmer noch: Sie hatte Bienleins Kontrolle über die Chatter zerstört, indem sie die Emotionschips funktionsunfähig gemacht hatte. Um sich selbst zu beruhigen, schloss Bienlein letzteres aus.

"Wie gehts?" fragte er seine hübsche Assistentin. Es überraschte ihn selbst, wie ruhig er dabei klang. Keine Spur von Wut in seiner Stimme, aber schließlich war er auch nicht wütend auf seine Assistentin.

"Gut, und dir?" antwortete Sevi.

"Nicht gut, ich bin wütend, ach, ich bin mehr als wütend!" Nun kam es doch aus ihm heraus, bahnte sich mit brachialer Gewalt einen Weg an die Oberfläche. "Diese verdammten Elfen! Erdreisten sich einfach, in meinen schönen, ja: perfekten Plan einzugreifen und ihn zunichte zu machen! Argh!"

Sevi trat neben ihn und legte ihm eine Hand auf den Arm. "Keine Sorge, noch ist nicht das letzte Wort in dieser Angelegenheit gesprochen. Dies war sicher nicht die letzte Gelegenheit, Raven zu erwischen."

"Du hast ja recht!" lenkte Bienlein an. Doch dann brauste er erneut auf: "Aber die Elfen werden dafür bezahlen müssen. Ich werde sie jagen, und wenn es das Letzte ist, was ich tue. Ich werde sie bis in ihr dreckiges Versteck verfolgen und das ganze Elfenreich auslöschen, wenn es sein muss. Hm, nicht nur, wenn es sein muss, ich werde es auslöschen, basta!"

Er sah sie an. "Zuerst aber habe ich was anderes im Sinn, Sevi. So wütend, wie ich im Moment bin, kann ich nicht nachdenken. Also muss ich auf andere Gedanken kommen. Hilfst du mir dabei? Du weißt, was ich meine, oder?"

Sevi nickte und lächelte. Jemand, der sie nun so gesehen hätte, käme nie auf den Gedanken, dass sie von Grund auf böse war. Aber man sah ihr das sowieso nie an, sondern bemerkte es erst, wenn es zu spät war.

Bienlein erwiderte das Lächeln. Sein Lächeln erstarb jedoch, als er sich zu seinen Gefolgsleuten umdrehte.

"Worauf wartet ihr eigentlich noch? Seid ihr noch nicht von selbst auf den Gedanken gekommen, die Elfen zu verfolgen?"

"Äh, tut mir leid, Meister!" meinte der vorderste Chatter. Sein Name war Highflyer, und normalerweise war er der Penner an der Ecke, aber Bienlein hatte ihn vor kurzem zu seinem Truppenführer erkoren. Auf ihn war meistens Verlass.

"Na, dann mal los. Es dürfte euch allerdings nicht leicht fallen, die Elfen zu finden. Wahrscheinlich haben sie sich im Elfenreich verschanzt. Ihre Namen kenne ich zum Glück, das dürfte euch die Suche erleichtern."

"Und wie heißen die Elfen, Meister?" fragte High.

"Ihre Namen sind eLa, Kati und Tinkerbell. So, jetzt trödelt nicht rum, ich will Resultate sehen!"

High nahm Haltung an und salutierte vor Bienlein. Der fragte sich, wo High das wohl aufgeschnappt haben mochte, sagte aber nichts dazu, sondern erwiderte schulterzuckend den militärischen Gruß (zeugte ja immerhin von Respekt seines Untergebenem ihm gegenüber).

High befahl den anderen Chattern mitzukommen. Einen Augenblick später hatten sie den Chat auch schon verlassen, um nach den verhassten Elfen zu suchen.

Bienlein und Sevi verließen den Chat ebenfalls und gingen in seine Wohnung, die gleich um die Ecke lag.

Endlich waren sie allein. Bienlein schloss die Tür hinter sich ab, dann wandte er sich Sevi zu. "Willst du wirklich?" fragte er seine hübsche Assistentin. Anstelle einer Antwort trat Sevi ganz dicht an ihn, so dass er die Wärme ihres Körpers zu spüren glaubte, und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen.

Er lächelte. "Das werte ich als ja", meinte er, nahm Sevi in den Arm, beugte sich vor und küsste sie lang und leidenschaftlich. Sevi erwiderte den Kuss und schnurrte dabei wie eine Katze.

Bienlein streichelte mit seinen Händen über ihren Körper.

Langsam zogen sie sich aus...

Der erste seiner Sinne, der zurückkehrte, war sein Gehör. Raven nahm wahr, wie zwei Stimmen, wohl ganz in seiner Nähe, etwas murmelten, doch er konnte nicht ausmachen, wer sie waren, noch was sie sagten. Außerdem vernahm er das Gezwitscher von Vögeln, das Wiehern von Pferden und etwas, das im ersten Moment nach dem Brüllen eines Drachen klang. Seine Vernunft sagte ihm jedoch, dass das unmöglich war und er sich das sicher nur eingebildet hatte. Er spürte, dass er auf seltsamem Untergrund lag, weich und doch gleichzeitig solide. Er fühlte sich ganz anders an als alles, auf dem er bisher gelegen hatte - anders als sein Bett und auch anders als der blanke Erdboden.

Raven versuchte seine Arme auszustrecken, die angewinkelt auf seinem Bauch lagen, was ihm auch nach einigen Augenblicken dann - wenn auch nur sehr schwerfällig - gelang. Seine Fingerspitzen glitten über das Material, auf dem er gebettet war. Es schien gewebt zu sein, denn er konnte die vielen, eng nebeneinander liegenden Rillen spüren. Dennoch hatte sich kein Stoff der Welt jemals so eigenartig angefühlt, so nach Gras gerochen, wie dieser es tat. Denn auch das war ihm gerade aufgefallen. Er war von einem Geruch umgeben, der ihn an eine Sommerwiese erinnerte.

Nun, da er wieder Herr über die meisten seiner Sinne war - ihm fehlte nur noch das Augenlicht, aber seine Lider waren so schwer, dass er beschloss, die Augen vorerst geschlossen zu halten - konzentrierte er sich darauf heraus zu finden, wo er war, und vor allem, wie er hierher gekommen war. Der junge Mann versuchte sich zu erinnern, was als Letztes passiert war, doch das fiel ihm schwer. Das einzige Bild, was er jetzt vor Augen hatte, war eine Welle aus gleißendem Licht, die auf ihn zu kam, und von drei Personen ausging. Allerdings war das Licht um sie herum so hell, dass er sie nicht erkennen konnte. Doch das konnte er nicht so einfach akzeptieren, denn es war im Moment der einzige Anhaltspunkt, den er hatte, um heraus zu finden, was geschehen war. Natürlich hätte er auch die zwei Personen fragen können, deren Stimmen er gehört hatte, doch dazu hätte er sowohl die Augen öffnen müssen, ihnen verständlich machen, dass er wach war, denn sie glaubten offenbar, er wäre noch immer bewusstlos, und ihnen diese Frage stellen müssen. Und dazu fühlte er sich noch zu schwach. Außerdem wusste er ja nicht mal, auf welcher Seite sie standen, ob sie nicht vielleicht schuld an seinem Zustand waren.

Also kniff Raven die Augen fest zusammen und konzentrierte sich auf dieses Bild. Und je länger er das tat, desto klarer wurden die Umrisse der drei Personen, der drei Frauen, wie er inzwischen ausmachen konnte. Aber sie sahen nicht aus wie normale Frauen, auch abgesehen davon, dass sie der Ausgangspunkt der Welle waren. Sie hatten etwas an sich, etwas, nun ja, Magisches. Und noch während er dieses Wort in seinen Gedanken formulierte, prasselten die Erinnerungen wie ein Hagelschauer auf ihn ein.

Sie waren keine gewöhnlichen Frauen, ganz und gar nicht. Sie waren Elfen, wahrhaftige Elfen, auch wenn es noch so unwahrscheinlich war. Und sie waren gekommen, um ihn zu retten, als Bienlein ihn vernichten oder zumindest zu einer seiner Puppen machen wollte. Aber hatten sie es geschafft? Sevi hatte den Emotionschip schon aktiviert, bevor sie angegriffen hatten. Jedenfalls glaubte er das. Trotzdem verspürte er keine Abscheu gegen sie oder die Magie, die sie symbolisierten. Also musste es funktioniert haben, oder nicht?

Raven unterbrach seine Gedankengänge, als er plötzlich hörte, wie sich ihm Schritte näherten und das leise Murmeln verstummte. Stattdessen erklang eine dritte Stimme. "Wie geht es ihm?" Sie klang hell und klar, und er hatte das Gefühl, sie schon einmal gehört zu haben.

"Er ist noch bewusstlos aber er sollte bald zu sich kommen", erwiderte eine der beiden Stimmen, die schon vorhin gesprochen hatte. Sie war nicht so klar, klang deshalb aber nicht weniger angenehm oder geheimnisvoll. Und auch sie kam ihm bekannt vor.

Es folgte eine kurze Pause, dann ergriff die erste der beiden wieder das Wort. "Ich habe eben mit Andris gesprochen."

"Was hat er gesagt?" fragte jetzt die dritte.

"Er war nicht gerade begeistert, wie ihr euch sicher denken könnt. Wir haben gegen alle Regel verstoßen, gegen die wir verstoßen konnten: das Elfenreich verlassen - und das auch noch ohne Erlaubnis und allein -, uns in "Erdenangelegenheit" eingemischt und einen Menschen mit hierher gebracht. Aber nachdem er sich wieder beruhigt hatte, meinte er, wir hätten das schon ganz gut hinbekommen." Sie wurde von einem leisen Lachen unterbrochen, fuhr dann aber fort. "Wie auch immer, er muss das Elfenreich sofort verlassen, sobald er dazu in der Lage ist."

Selbst wenn Raven nach dem ersten Mal noch Zweifel gehegt hatte, ob er sich nicht vielleicht verhört hatte, so war er inzwischen überzeugt, dass sie wirklich "Elfenreich" gesagt hatte. Da war er also, so unglaublich es auch zu sein schien. Und das hieß, dass diese drei Gestalten, die sich hier unterhielten, seine Retterinnen waren, dass sie Elfen waren. Schon seit so langer Zeit hatten sie sich niemandem mehr gezeigt und aus den einst häufig erzählten Begebenheiten waren Geschichten, Sagen und schließlich unter Bienleins Einfluss Lügenmärchen geworden. Nur noch die wenigen, die wie er für die Erhaltung der Magie eintraten, glaubten noch daran. Und jetzt sollte er wirklich hier sein, in jenem sagenumwobenen Reich, dem Rückzugsort der magischsten aller Wesen.

Selbst in den Zeiten, in denen die Elfen noch allgegenwärtig gewesen waren, war es ein Privileg gewesen, hierhin zu gelangen. Heute war es, wie es aus den Worten der Elfe hervorging, offenbar sogar verboten.

Von Neugier und ungläubigem Staunen übermannt, öffnete Magicraven die Augen.

Was er sah, verschlug ihm für einen Moment den Atem. Der junge Mann fand sich in einem Meer aus Grün, Blau und Gold wieder. Zu seiner Linken und von seiner Position nach vorne erstreckte sich eine riesige Wiesenlandschaft, auf der die verschiedensten Blumen blühten, umgeben von allen Arten von Pflanzen. Darunter waren bekannte wie gewöhnlicher Gräser und Kräuter, aber auch eine langstielige Pflanze mit riesigen, breiten und doch extrem flachen Blättern und einer blauen Blüte, in deren Mitte sich golden glänzende Staublätter befanden. Sie bewegte sich scheinbar wie im Wind. Jedoch, so musste Raven feststellen, wehte nicht das laueste Lüftchen. Er ließ seinen Blick weiter wandern, zu einer Koppel, hinter dessen Zaun etwa ein halbes Dutzend strahlend weißer Pferde stand. Sie hatten ihre Köpfe nach unten gebeugt und grasten friedlich. Von ihnen musste das Wiehern ausgegangen sein, das er vorhin vernommen hatte. Er hatte seinen Kopf schon fast wieder abgewandt, als eines von ihnen den Kopf hob und er im Augenwinkel etwas aufblitzen sah. Schlagartig drehte er seinen Kopf zurück und entließ die angehaltene Luft in einem erstaunten Aufkeuchen. Dieses vermeintliche Pferd hatte tatsächlich ein Horn auf dem Kopf, ein einzelnes, silbern schimmerndes Horn. Zwar hatte Raven schon viele Geschichten über die Einhörner gehört, genauso wie über die Elfen, und auch wenn er immer gehofft hatte, sie wären wahr, so fiel es ihm in diesem Augenblick doch schwer, seinen Augen zu trauen. Er blinzelte einmal, aber auch danach war das Horn unschwer auszumachen. Er schluckte einmal schwer und fuhr dann damit fort, sich umzusehen, und wandte seinen Blick von den Wiesen und den sich daran weit im Osten anschließenden Bergen ab. Rechts von ihm schloss sich ein Wald an, bestehend aus vorwiegend sehr hohen Bäumen mit weit ausladenden Ästen und Zweigen. So standen sie nicht sehr dicht und der Wald schien, zumindest hier am Rand, sehr licht zu sein. In den Wipfeln konnte er verschiedene, aus Holz bestehende und Baumhäusern ähnelnde Gebilde erkennen. Sie hatten die verschiedensten Größen, abhängig von denen der Bäume, in denen sie errichtet worden waren. Zwar waren zwischen einigen von ihnen Hängebrücken und Wege erbaut worden, die einem Straßennetz hoch oben in den Bäumen ähnelten, doch konnte Magicraven keinerlei Treppen oder Leitern erkennen, die nach oben führten. Dafür konnte er noch ein paar Hütten ausmachen, die sich auf dem Erdboden befanden. Was sich hinter ihm befand, konnte er nicht sehen und er wagte es nicht, sich umzudrehen um es herauszufinden. Also richtete er seinen Blick nun geradeaus, zum Ausgangspunkt der Stimmen, welche er schon die ganze Zeit vernommen hatte.

Und da sah er sie leibhaftig vor sich stehen - die Elfen. Es waren ohne Zweifel die schönsten Geschöpfe, die er je erblickt hatte. Er hatte schon einen Blick im Chatroom auf sie werfen können, doch waren er und sein Augenlicht von seiner Verletzung und seiner Angst getrübt gewesen. Außerdem war die Entfernung um ein Vielfaches größer gewesen, als die wenigen Schritte, die ihn jetzt von ihnen trennten.

Es waren drei weibliche Gestalten, zwei etwa gleich groß, die dritte etwas kleiner. Alle drei trugen grüne Gewänder, von denen er sicher war, dass sie sie im Zwielicht des Waldes fast unsichtbar machten. Die rechte, offensichtlich diejenige, die gerade erst zu den anderen getreten war, hatte braune, bis auf ihre Schultern fallende enge Locken. Die kleiner Elfe daneben hatte glatte, engelsblonde Haare, die ihren Rücken hinabfielen. Wie lang sie wirklich waren, konnte Raven nicht ausmachen, da sie mit dem Gesicht zu ihm stand. Die dritte wirkte etwas unscheinbarer als ihre zwei Gefährtinnen und war nicht so auffällig geschminkt. Raven glaubte sie als diejenige wieder erkennen zu können, die schon im Chatroom weniger aktiv gewesen war. Wie die mittlere hatte sie blonde Haare, wenn auch nicht in so einem hellen Ton, und auch nur bis knapp über die Schultern reichend.

Und es gab noch etwas, das sie alle gemeinsam hatten, was er jedoch erst jetzt bemerkte, da sich die Braunhaarige etwas zur Seite drehte. Sie hatten Flügel - zwei transparente, golden schimmernde Flügel, welche sich selbst beim ruhigen Stehen leicht hin und her bewegten.

Aber Raven kam nicht dazu, sie weiter zu beobachten, denn die drei verstummten in diesem Moment. Sie hatten ihren Blick zu ihm gewandt und ganz offensichtlich bemerkt, dass er wach war, denn die eine der drei flüsterte: "Er ist wieder zu sich gekommen!" Die anderen beiden nickten und kamen auf ihn zu. Dabei berührten sie aber kaum den Boden, sondern schwebten förmlich auf den Spitzen der Grashalme entlang. Das Schlagen ihrer Flügel erzeugte dabei ein Geräusch, das dem von leisen Schritten ähnelte und das ihn vorhin getäuscht hatte.

Gebannt verfolgte Magicraven jede Bewegung der drei Wesen, nicht in der Lage, die Augen von ihnen zu lösen. Erst als sie sich trennten und die kleinste der drei und die etwas unscheinbarere zu seiner rechten und die dunkelhaarige zu seiner Linken in die Hocke gingen, vermochte er es, seinen Blick für einen Moment abzuwenden. Dann konzentrierte er sich auf die Elfe zu seiner Linken, die das Wort ergriff. "Willkommen in der Welt der Elfen, Magicraven und willkommen zurück in der Welt der Lebenden. Wie geht es dir?"

"Wie komme ich hierher? Und vor allem, warum bin ich hier?" fragte Raven, anstatt auf die Frage zu antworten.

Ein leises Lachen ertönte daraufhin zu seiner Rechten. Er drehte den Kopf in die entsprechende Richtung und stellte fest, dass ein Schmunzeln auf den Gesichtern der beiden Elfen lag - ein Schmunzeln, dass sie so menschlich erschienen ließ, auch wenn sie doch so ganz anders waren. Sie mochten zwar - abgesehen von den Flügeln - aussehen wie Menschen, sprechen und lachen wie sie, doch hatten sie etwas an sich, dass so eindeutig von seinesgleichen unterschied, etwas, das er nicht beschreiben konnte, etwas... nun ja, Magisches.

"Immer langsam. Wir haben später genug Zeit, diese Fragen zu beantworten, aber im Moment ist es wichtiger, dafür zu sorgen, dass du dich schnell wieder erholst."

Die Elfe mit den langen blonden Haaren lächelte und wandte sich dann an die neben ihr sitzende. "Tinkerbell? Würdest du den Tee holen, den ich vorbereitet habe?"

"Sicher" Die Angesprochene erhob mit ebenfalls mit einem Lächeln und schwebte schon nach wenigen Flügelschlägen hoch über ihnen. Ein paar weitere später hatte Raven sie aus den Augen verloren.

"Wie heißt ihr?" stellte er den beiden Verbliebenen eine weitere Frage.

"Oh, entschuldige, das habe ich total vergessen. Das ist eLa, ich bin Kati und das eben war Tinkerbell", erwiderte die braunhaarige Elfe links neben ihm.

Der junge Mann nickte. "Und wer ist Andris?"

Augenblicklich spürte er, wie Kati und eLa über ihn hinweg einen fragenden Blick austauschten, bevor letztere antwortete. "Andris ist Magier und Wächter über das Elfenreich und alle Elfenangelegenheiten. Wir alle vertrauen seinem weisen Urteil. Aber woher weißt du von ihm?"

Raven hatte eigentlich einen Kommentar auf den Lippen gehabt, warum sie ihn dann gerettet hatten, wenn es doch offensichtlich gegen eines von Andris' weisen Urteilen verstieß, doch angesichts eLas Frage verkniff er sich das, sondern antwortete. "Ich habe euch darüber reden hören."

Sie nickte. "Ach so. Dann hast du sicher auch gehört, dass, nun ja, nicht alle Elfen viel davon halten, einen Menschen mit hierher zu bringen. Aber du brauchst dir deswegen keine Sorgen zu machen. Selbst wenn sie dagegen sind, würde keine Elfe je etwas Böses tun. Wir Elfen sind friedlebende Wesen, die nicht in der Lage sind, Hass zu empfinden."

Er hatte ja mit vielem gerechnet und nachdem Tinkerbell tatsächlich vor seinen Augen geflogen war, geglaubt, dass ihn nichts mehr überraschen könnte, aber diese Tatsache tat es.

"Keinen Hass?" wiederholte er deshalb ungläubig und blickte zwischen den beiden Elfen hin und her. Er versuchte sich aufzusetzen, um sie besser sehen zu können, doch bei der ersten unüberlegten Bewegung zuckte ein stechender Schmerz durch seinen Körper und so ließ er es besser sein.

Beide schüttelten einvernehmlich den Kopf.

"Nicht mal... nicht mal auf unsere Technik und auf Bienlein... und Sevi?"

Wieder erhielt er als Antwort nur ein Kopfschütteln, doch als sie bemerkten, dass er nicht verstand, fügte Kati hinzu: "Was wir für Bienlein empfinden, ist Mitleid und Traurigkeit, denn die Magie ist ein Teil allen Lebens, man kann sie zwar verleugnen, doch sie ist immer da. Doch indem er und seine Anhänger sich vor ihr und ihrer Macht verschließen, sind sie nicht in der Lage, die wahre Schönheit der Erde und des Lebens zu erkennen."

Raven nickte, auch wenn er sich nicht sicher war, ob er das verstanden hatte. Seit seinem Versuch sich zu erheben spürte er ein dumpfes Pochen hinter seinen Schläfen, was ihm das Denken noch erschwerte. Dennoch brannten ihm noch so viele Fragen auf dem Herzen, die gestellt werden wollten.

"Warum habt ihr mich gerettet?"

"Wir hatten geglaubt, die Erde für immer an die Menschen und ihre Technologie verloren zu haben. Früher einmal, als noch jeder einzelne an die Magie glaubte, war all das hier", Kati machte eine ausschweifende Handbewegung "nur ein kleiner Teil dessen, wo wir lebten. Viele von uns lebten in den Wäldern auf der Erde, die Drachen liebten die Hochgebirge, die wir hier nicht haben und die Hexen lebten mitten unter den Menschen, da sie von einem Unwissenden nicht von ihnen unterschieden werden konnten. Doch dann begann eine Zeit, in der die Magie - ähnlich wie heute - verachtet und viele magischen Wesen verfolgt wurden. Anders als heute wurde ihre Macht aber nie abgestritten, sondern lediglich als "böse" dargestellt. Die Menschen versuchten all das, was sie nicht erklären konnten, alles Magische, auszurotten, denn es machte ihnen Angst. Sie erkannten nicht, dass die Hexen den Menschen mit ihrer Magie helfen wollten, sondern sahen sich davon bedroht. Dass Drachen, solange man ihnen freundlich begegnet, niemandem etwas tun, konnten sie ebenfalls nicht sehen. Die großen Abenteurer dieser Zeit, denen es gelungen war einen Drachen zu töten, fanden heraus, dass ihr Blut Heilkräfte besitzt, und von da an versuchte jeder Jüngling, der etwas auf sich hielt, einen Drachen zu töten und mit dem wertvollen Blut sein Leben zu verlängern oder viel Reichtum zu erlangen.

Wir zogen uns für eine Weile zurück, warteten ab, bis es wieder sicher für uns war, uns auf die Erde zu begeben. Selbst wenn die Menschen uns Elfen nie etwas getan hatten, so fühlten wir uns doch bedroht. Es gingen viele Jahre ins Land, bis wir wieder zurückkehrten, zu viele, wie sich später herausstellen sollte. Die Menschen hatten begonnen zu vergessen. In unserer Abwesenheit waren die Geschichten zu Sagen und Legenden und schließlich zu Märchen geworden, an die nur noch Kinder glaubten. Und selbst die begannen zu zweifeln. Es war die Zeit, in der Maschinen nach und nach Handarbeit ersetzten, und das Leben der Erdenbewohner sich grundlegend veränderte. Wissenschaft und Sachlichkeit waren nun wichtig, der Platz für die Magie wurde immer kleiner. Man leugnete die Magie, und dass sie je existiert hatte. Wir waren in dieser neuen Welt nicht mehr erwünscht und zogen uns zurück. Über hundert Jahre hat seitdem keine Elfe mehr die Erde betreten. Die wenigen Elfen oder anderen magischen Wesen, die sich entschieden hatten zu bleiben, waren auf sich gestellt. Sie leben ein einsames Leben inmitten der Technologie."

Magicraven hatte bis jetzt stumm eLas Bericht gelauscht. Er war überwältigt von dem, was er gehört hatte, denn er hatte keine davon Ahnung gehabt. Aber jetzt stellte sich ihm eine Frage und so unterbrach er die Elfe. "Du meinst, es gibt noch Magie auf der Erde?"

Kati nickte. "Natürlich, wenn auch nicht mehr viel und über die ganze Welt verstreut. Hauptsächlich in Gebieten, in denen es Menschen gibt, von denen sie hofften, dass sie den Glauben an die Magie noch nicht ganz verloren hatten."

"Wo zum Beispiel?" Gebannt sah Raven zwischen Kati und eLa hin und her.

"Ich weiß von einem Wasserdrachen in Schottland. Er hat dort in einem See gelebt. Allerdings hatten wir, wie gesagt, über hundert Jahre keinen Kontakt mehr mit den Erdenbewohnern und ich weiß nicht, ob er überhaupt noch lebt."

"Nessie??" Atemlos starrte er Kati an.

"Ich weiß nicht, wie ihr in möglicherweise nennt, wie er in euren Sagen und Legenden heißen mag..."

Raven nickte und wartete darauf, dass die beiden Elfen fortfuhren, denn warum sie ihn gerettet hatten, wusste er noch immer nicht.

Als eLa bemerkte, dass er keine weiten Fragen zu haben schien, sprach sie weiter.

"Auch wenn wir eigentlich mit der Erde abgeschlossen hatten, so kamen uns doch Gerüchte zu Ohren, Gerüchte von einem Menschen namens Bienlein, der versuchte, die letzten Reste der Magie zu verdammen. Und Gerüchte von einem anderen Menschen, der den Glauben an die Magie noch nicht verloren hatte und bereit zu sein schien, dafür zu kämpfen - von dir.

Also sendete Andris Späher aus, um mehr darüber herauszufinden. Als sie berichteten, dass die Gerüchte wahr sein, und dass es zu einem Kampf gekommen war, haben wir uns sofort auf den Weg gemacht und dich hierher geholt. Wir kamen gerade noch rechtzeitig. Natürlich hatten wir ein strenges Verbot bekommen, das Elfenreich zu verlassen und vor allem Menschen hierher zu bringen, aber was hätten wir für eine Wahl gehabt? Wir haben uns lange genug versteckt. Aber vielleicht ist es noch nicht zu spät. Vielleicht haben wir noch eine Chance und wir werden eines Tages wieder in Einklang mit den Menschen leben können. Doch dazu müssen wir kämpfen, und das können wir nicht allein tun. Wir konnten dich retten, weil unser Angriff überraschend kam. Noch einmal haben wir nur zu dritt keine Chance. Sobald es dir besser geht, werden wir einen Elfenrat einberufen und beraten, wie wir weiter vorgehen werden."

Raven nickte und wollte etwas erwidern, kam allerdings nicht dazu, denn in diesem Augenblick kehrt Tinkerbell zurück, aber nicht in hoch in der Luft, so wie er es vermutet hatte, sondern wenige Zentimeter über dem Boden schwebend. Sie kam nur langsam näher, in den Händen eine große Kanne. Raven konnte den Inhalt nicht erkennen, vermutete jedoch, dass sie sehr voll war und Tinkerbell befürchtete, etwas zu verschütten.

Als sie die kleine Gruppe erreicht hatte, kniete sie sich neben eLa auf den weichen Erdboden und reichte ihr die Kanne sowie einen Becher, den sie aus den Falten ihres Gewandes hervorzog. Die andere Elfe bedankte sich mit einem Lächeln und konzentrierte sich dann beim Eingießen darauf, nichts von der kostbaren Flüssigkeit zu verschütten.

"Kannst du dich aufsetzen?" wollte Kati nun wissen, da er im Liegen nur schwerlich trinken konnte.

Der junge Mann war sich nicht sicher, ob er konnte, aber er nickte tapfer und stemmte seinen Oberkörper mit den Händen nach oben. Dass augenblicklich sein Kopf anfing zu dröhnen, versuchte er zu ignorieren. Er wollte vor den drei Frauen - die ja eigentlich gar keine richtigen Frauen waren, sondern Elfen - nicht wie ein Weichei wirken, das bei jedem noch so kleinen Wehwehchen anfängt zu jammern. Also biss er die Zähne zusammen und versuchte, so gut es ging, zu lächeln.

Der Tee, den eLa ihm zubereitet hatte schmeckte wie einer der Kräutertees, die er noch nie gemocht hatte, nur noch schlimmer. Er war bitter und gleichzeitig süß - eine Mischung, die ihn dazu verleitete, dieses Gebräu wieder auszuspucken.

Er tat es nicht, sondern schluckte. Und noch während der Tee seine Speiserohre hinabfloss, spürte er, wie sich ein wohliges Gefühl in ihm ausbreitete. Nach der zweiten Tasse waren die Kopfschmerzen verschwunden.

Bienlein träumte. Es musste jedenfalls ein Traum sein, denn es erschien ihm zu schön, um wahr zu sein. Er fühlte sich, als schwebte er über allen Wolken, nur gehalten von einer zierlichen Gestalt, die sich im direkten Hautkontakt eng an ihn schmiegte und ihn mit ihrer Körperwärme wärmte. So glücklich wie in diesem Moment war er noch nie zuvor gewesen, das wusste er. Zu schade, dass es vorbei sein würde, sobald er die Augen aufschlug. Daher hielt er sie geschlossen, presste die Lider fest aufeinander, so dass keine Macht dieser Welt sie würde trennen können. Er atmete im scheinbaren Traum den herrlichen Duft der anderen, weiblichen Gestalt ein und genoss das Gefühl der Geborgenheit.

Schließlich schlug er die Augen doch auf - und alles blieb, mit dem einen Unterschied, dass er nun wusste, wer die Gestalt war, die ihm im Traum soviel Wärme und Liebe gegeben, soviel Glück beschert hatte. Es war Sevi.

Bienlein lächelte glücklich. Dann drückte er seiner wunderschönen Geliebten (seiner ersten Geliebten, gestand er sich ein) einen Kuss auf die Stirn. Sevi schnurrte wohlig im Schlaf und drückte sich noch fester an ihn.

Bienlein dachte daran, was er früher, als er Sevi noch nicht gekannt hatte, alles verpasst hatte, und fragte sich, wie er diese Zeit damals nur überlebt hatte. Sehr viel brennender interessierte ihn aber die Frage, wie er es überleben sollte, falls Sevi ihn eines Tages verlassen würde, vielleicht wegen einem anderen Mann, der ihr all das geben konnte, was sie verdient hatte und was sie wollte, im Gegensatz zu Bienlein, der ihr so wenig geben konnte, wie er glaubte.

Er hatte keine Ahnung, aber wahrscheinlich würde er es nicht überstehen. Sie war sein Ein und Alles, sein Lebensinhalt, sah man einmal vom Kampf gegen Raven ab. Doch der würde bald ein Ende finden, da war sich Bienlein sicher. Und seine Beziehung mit Sevi, wenn er es denn so nennen durfte? Wenn es nach ihm ginge, würden sie ewig zusammenbleiben... Aber das Schicksal hatte ihm schon den einen oder anderen bösen Streich gespielt...

Nein, sagte er sich, diesmal nicht. Diesmal hatte er die Frau fürs Leben gefunden. Er würde sie nicht aufgeben, um keinen Preis.

Ein Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken. Er richtete sich im Bett auf und rief wütend in Richtung Tür: "Wer stört?"

Er spürte, wie Sevi sich neben ihm regte und erwachte. Er sah kurz zu ihr, drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und sagte: "Schlaf ruhig weiter, es ist sicher nicht wichtig."

Für den Störenfried konnte er jedoch nur hoffen, dass es wichtig war. Schließlich hatte er ausdrücklich befohlen, ihn und Sevi in Ruhe zu lassen und nur in Notfällen aufzusuchen.

"Äh, hier ist Highflyer!" drang es nun zaghaft durch das Holz der Tür. "Ich habe wichtige Neuigkeiten!"

"Einen Moment!" Bienlein zog die Decke über Sevis Körper, um dessen Schönheit nicht dadurch zu zerstören, dass High ihn erblickte, verließ selbst das Bett und streifte sich eine Hose über.

"So, du kannst hereinkommen!" befahl er.

Zögernd betrat High den Raum. Fast erwartete er, seinen Meister mit einer auf ihn gerichteten, geladenen Pistole in der Mitte des Raumes stehen zu sehen. Die Erleichterung darüber, dass Bienlein unbewaffnet war, war ihm im Gesicht abzulesen.

"Was für Neuigkeiten sind so wichtig, dass du unseren Schlaf störst?" verlangte Bienlein zu erfahren. "Habt ihr etwa Raven gefunden? Das wäre ja echt phantastisch!" Bienlein lächelte.

"Äh, nein, Herr", stammelte High. "Wir konnten ihn nicht aufspüren. Alle uns zur Verfügung stehenden Mittel setzten wir ein, die Spürhunde, die elektronischen Ortungsgeräte... Wir suchten alle Orte ab, an denen er sich verstecken würde, und auch jene, wo er sich nicht verstecken würde, aber er scheint wie vom Erdboden verschluckt, Herr!"

Bienleins Lächeln erstarrte zur Grimasse. "Unauffindbar, sagst du?" Nun verzerrte sich sein Gesicht vor Wut. "Unfähig seit ihr, sag ich! Unfähig, einen einzelnen, verletzten Mann aufzufinden!" Er ballte die Hände zu Fäusten, schüttelte sie wütend und fuhr ohne Vorwarnung herum, stürzte an das Nachttischchen heran und riss die oberste Schublade auf. Darin lag seine Pistole, geladen und entsichert. Er holte sie hervor, wandte sich wieder High zu und richtete die Waffenmündung auf Highs Stirn.

"Nenn mir einen guten Grund, einen wirklich guten Grund, warum ich nicht abdrücken sollte!" knurrte Bienlein. Eigentlich wollte er diesen Grund gar nicht hören. Alles in ihm schrie danach, einfach den Stecher durchzuziehen und High wegzupusten. Doch er tat es nicht. Etwas hinderte ihn daran, so etwas wie eine Ahnung. High war nicht blöd, jedenfalls nicht so blöd, ihn wegen dieser Sache zu stören. Er hatte was von Neuigkeiten gesagt. Vielleicht konnten die Bienlein wieder aufmuntern. Und wenn nicht - das Schussgeräusch und die Folgen des Schusses würden ihn garantiert aufheitern...

"Nun?" fragte Bienlein noch einmal. High zitterte am ganzen Körper. Nur mit Mühe gelang es ihm, den Satz zu formulieren, der ihm das Leben retten konnte.

"Wir haben zwar Raven nicht gefunden, aber dafür jemand anderen gefangen nehmen können, Meister!"

"Und wen? Was ist besser als Raven?"

"Nun, eine, eine Elfe, Meister!"

Eine Elfe! In seiner Gewalt! Wenn das keine guten Nachrichten waren, dann wusste Bienlein auch nicht weiter. Ein sardonisches Grinsen trat auf sein Gesicht. Eine Elfe! Vielleicht wusste sie, wo Raven sich versteckte. Sicher würde sie ihm diese Information nicht freiwillig geben, aber er kannte Mittel und Wege, jeden zum Reden zu bringen - sogar eine Elfe!

"Eigentlich sollte ich dich trotzdem töten!" meinte Bienlein und beobachtete dabei High ganz genau, der vor Schreck zusammenzuckte. Er hatte sich schon in Sicherheit gewähnt, als sein Meister angefangen hatte zu lächeln. Jetzt schien es, als hätte er sich zu früh gefreut.

Bienlein zuckte mit den Achseln. "Na ja, immerhin hast du mir eine Elfe gebracht. Dafür sollst du dieses Mal noch verschont werden." Mit diesen Worten sicherte er die Pistole und legte sie zurück in die Schublade, die er schloss. Dann weckte er Sevi.

"Tut mir leid, meine süße Maus, aber es gibt wichtige Geschäfte für dich!" Aus verschlafenen Augen sah sie zu ihm herauf, erst ahnungslos, was er mit Geschäften meinte, aber dann entdeckte sie das Grinsen auf seinem Gesicht, das Bände sprach. "Aha, Geschäfte!" meinte sie. "Ich verstehe!" Sie grinste.

Bienlein wandte sich an High. "Wir werden gleich kommen, aber zuerst sollten wir uns was anziehen. Wir können einer Elfe ja wohl kaum nackt gegenüber treten", spöttelte er. "Geh schon mal vor und triff die nötigen Vorbereitungen für die Befragung der Elfe. Vielleicht weiß sie, wo Raven ist. Das", Bienlein zwinkerte High zu, "könnte dein Leben dauerhaft retten."

"Wie Ihr befehlt, Meister." High beeilte sich zu verschwinden. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.

"So, und nun zu dir, mein Engel!" Bienlein sah Sevi an. "Wie wäre es mit einem speziellen Frühstück, bevor wir uns der Elfe zuwenden?"

"Es ist bereits angerichtet!" antwortete Sevi und zog die Bettdecke von ihrem Körper...

Einige Zeit später, nach einem sehr ausgiebigen Frühstück, verließen Bienlein und Sevi das Zimmer. Ein paar Räume weiter wartete High bereits auf sie. In seiner Gesellschaft befanden sich drei weitere Chatter, die Haltung annahmen, als sie ihren Meister erblickten. In der Mitte des Raumes stand eine etwa mannshohe Kiste mit Luftlöchern.

"Meister, endlich seid ihr da!" rief High aus und fing sich einen tadelnden Blick von Sevi ein. "Ich meine, äh, also..."

"Genug!" schnitt Bienlein Highs Entschuldigung ab. "Wo ist die Elfe?"

"Gleich hier in der Kiste, Herr!"

"Worauf wartest du dann noch? Öffne die Kiste!" befahl Bienlein.

High winkte zweien der Chatter. Die beiden traten an die Kiste heran, lösten ein paar der Verschlüsse, die die Kistenwände zusammenhielten, und entfernten die Holzwand. Dahinter lag ein überraschend dunkler Raum. Bienlein hatte schon gehört, dass Elfen einen Zauber beherrschten, der es ihnen ermöglichte, Räume zu verdunkeln, damit man sie nicht als Elfen erkennen konnte. Das würde erklären, warum es in der Kiste noch so dunkel war.

"Licht!" befahl er. High hatte in weiser Voraussicht bereits eine Taschenlampe geholt und richtete den Strahl ins Innere der Kiste. Zuerst riss das Licht ein rosa Kleidchen aus dem Dunkel, aus dem zwei für eine Elfe erstaunlich dicht behaarte Beine lugten. Der Lichtschein wanderte höher, enthüllte einen üppigen Busen, eine Hand, die einen Zauberstab, natürlich in pink, in der Hand hielt, und eine andere Hand, die sich in volles langes dunkelblondes Haar krallte. Bis hierhin ganz normal, glaubte man so manchen Klischees, die man über Elfen gehört hatte - Bienlein würde so eher eine Fee beschreiben, aber wenn High sagte, es handelte sich dabei um eine Elfe, so war es auch eine Elfe -, da störte es auch nicht, dass die Elfen, die Raven gerettet hatten, ganz anders ausgesehen hatten.

Dann fiel das Licht aus der Taschenlampe auf das Gesicht der Elfe. Bienlein verschluckte sich vor Schreck, er hört Sevi neben sich ungläubig husten. Er keuchte.

"Was, zur Hölle, ist das?" stieß er hervor. High wich aus Angst vor Bienlein zurück, dabei verwackelte der Lichtstrahl und riss nun nur noch die Innenwände der Kiste aus der Dunkelheit. "Das, äh, ist eine Elfe, Herr!"

"Elfe?" Bienleins Stimme erreichte bei dem Ausspruch eine Höhe, wie normalerweise nur Frauen sie erreichten. "Das ist doch keine Elfe, das ist doch - ich weiß nicht, was das ist, aber eine Elfe ist es nicht!"

"Aber sicher bin ich eine Elfe!" drang da ein helles Stimmchen aus der Kiste. "Seit meiner Geburt bin ich eine!"

"Aber bei deiner Geburt muss wohl so einiges schiefgegangen sein!" meldete sich Sevi zu Wort.

"Na ja, das stimmt!" fiepte die Elfe. "Aber ich kann nichts dafür, dass ich so aussehe!"

Als High bemerkte, dass ihm im Moment von seinem Meister keine Gefahr drohte, leuchtete er wieder das Gesicht der vermeintlichen Elfe an. Das Licht verfing sich in hellblauen Augen, zwischen denen sich eine große Nase in einem kuriosen Winkel nach unten bog. Des weiteren schimmerte ein dichter Vollbart gülden im Schein der Lampe.

"Argh!" machte Bienlein, als er den Vollbart erneut sah. Ihn ekelte vor dem Anblick dieses Monsters.

"Was bist du?" fragte er.

"Ich bin eine Elfe!" wiederholte das Ding seine Behauptung. "Mein Name ist Dän."

"Und wie kommst du zu dem Vollbart?" wollte Sevi wissen. Dän zuckte mit den Schultern. "Ich habe nicht die geringste Ahnung. Eines Nachts wachte ich auf, und zack, da war er. Seitdem meiden mich die anderen Elfen, wollen nichts mehr mit mir zu tun haben, weil ich so anders bin als sie." Tränen traten in die Augen des Geschöpfs, das als Elfe zu bezeichnen Bienlein sich immer noch weigerte.

"Lass mich raten. Du bist nun hier auf Erden, weil sie dich auch noch aus dem Reich der Elfen verstoßen haben, stimmts?"

Dän schüttelte vehement den Kopf. Er - oder sie? Bienlein wusste es nicht, daher entschied er sich einfach für "er" - wirkte erbost über Bienleins Behauptung. "Nein, so etwas würden wir Elfen niemals tun! Selbst andersartige Elfen dürfen in der Elfenwelt leben, schließlich gehört sie allen Elfen. Niemand hat dort das Recht, eine Elfe aufgrund ihrer Andersartigkeit auszustoßen, es sei denn, sie hätte ein wirklich böses Verbrechen begangen. Aber in dem Fall würde sie es dort eh nicht lange aushalten, denn die Elfenwelt selbst duldet nur Geschöpfe, die reinen Herzens sind. Daran kann man auch sehen, dass ich wirklich eine Elfe bin, denn ich lebte dort."

Nun war Bienlein ratlos. "Warum bist du dann hier?" fragte er.

"Weil ich, na ja, zu neugierig war", gestand die Elfe. "Ich hörte von dem Kampf der zwei Hohen Elfen gegen einen wirklich bösen Menschen namens Bienlein und dachte, das würde doch sicher eine großartige Show werden. Leider verflog ich mich auf dem Weg zur Erde und kam zu spät an. Da hab ich dann alles verpasst."

Konnte es wirklich sein, dass diese Elfe nicht wusste, dass sie diesem wirklich bösen Menschen, von dem sie gesprochen hatte, gegenüberstand? Konnte sie wirklich so bescheuert sein? Das fragte sich Bienlein, und als er Sevi ansah, las er die gleichen Gedanken in ihren Augen.

Die Antwort gab Dän ihnen prompt. "Wie ich sehe, habt ihr von diesem Bienlein noch nie gehört. Daher hört meine Warnung: Ihr müsst euch vor ihm in Acht nehmen. Wenn ihr ihm begegnet, rennt weg, so schnell ihr könnt. Er ist wirklich oberfies. Sein Blick ist so kalt, dass ihr zu Eis erstarrt, sollte er euch zu lange ansehen. Gleiches erzählt man sich von seiner Assistentin, Sewi oder so ähnlich. Sie soll so hübsch sein, wie sie böse ist. Angeblich ist sie sehr hübsch. Also, seht euch vor, ich bitte euch!"

Bienlein musste sich selbst fest auf den Fuß treten, damit er nicht laut loslachte. Diese Elfe, so bescheuert wie sie war, war ein Geschenk der Hölle. So selten einfältig, würde sie ihm sicher ohne Folter verraten, wo sich Raven aufhielt. Er durfte nur nicht verraten, dass er der Mann mit dem eiskalten Blick war. Dazu gehörte, dass sowohl Sevi, als auch Highflyer sich ruhig verhielten. Sevi war in dieser Hinsicht kein Problem, sie sah zu ihm auf und nickte. High hingegen schien nicht zu begreifen, was Bienlein ihm mit Blicken zu signalisieren versuchte, während die Elfe, die die Kiste verlassen hatte, aufgeregt hierhin und dorthin ging, dabei leicht mit den hellblauen Flügeln auf ihrem Rücken schlagend, und sich umsah. Schließlich wurde es Bienlein zu bunt. Er winkte High zu sich heran und flüsterte ihm ins Ohr: "Diese blöde Elfe weiß nicht, dass ich Bienlein bin. Und dabei soll es bleiben, verstanden?"

"Ja, Meister!" beeilte sich High zu vergewissern. "Kein Sterbenswörtchen wird er über eure Identität von mir erfahren, Herr, das schwöre ich!"

"Gut!" Nun war Bienlein zufrieden. Er hatte quasi alles, was er wollte. Jetzt musste er nur noch die Elfe dazu bringen, ihm zu verraten, wo sich Raven aufhielt, falls sie es überhaupt wusste.

"Sag", begann er, "ich hörte von diesem Kampf zwischen Bienlein und - wie hieß der andere noch gleich? Graven?"

"Er hieß Raven", korrigierte ihn Dän. "Genauer gesagt, Magicraven. Raven ist nur sein Spitzname. Er ist der Verfechter des Guten. Damit meine ich, dass er für die Magie, die allen Lebewesen innewohnt, kämpft. Hingegen Bienlein versucht, gerade diese Magie zu zerstören, damit die Technik ihren Platz in der Weltordnung einnehmen kann. Doch Raven ist stärker als Bienlein, er wird obsiegen, da bin ich ganz sicher."

"Aha, Raven. Mir war doch so... So, ein Anhänger der Magie ist er. Genau wie ich! Ich würde ihm gern meine Dienste anbieten. Aber dazu müsste ich ihn erst mal finden... Du hast nicht zufällig eine Ahnung, wo Raven sich im Moment aufhält?" spann Bienlein sein Netz um die Elfe. Das war der einzige Weg, den er sah, Ravens Aufenthalt aus der Elfe rauszukriegen, ohne sie zu foltern. Nicht, dass er Sevi den Spaß nicht gegönnt hätte, aber Foltern kostete Zeit, die zu opfern er nicht bereit war. So musste Sevi warten, bis sich ein anderes Opfer zum Foltern bot. Oder sollte er ihr die Elfe überlassen, nachdem sie ihr kleines Geheimnis ausgeplaudert hatte? Er verschob diese Frage auf später.

Die Elfe setzte eine nachdenkliche Miene auf. "Ich weiß nicht genau. Wie ich ja erzählte, kam ich zum Kampf zu spät. Doch ich spürte im Chatroom die nachlassenden Schwingungen eines Teleports in die Elfenwelt. Möglicherweise haben die Hohen Elfen Raven mit sich in unsere Welt genommen. Ich wüsste allerdings nicht, aus welchem Grund sie dieses Risiko auf sich nehmen würden, denn es ist verboten, Menschen in die Elfenwelt zu lassen."

Bienlein ging in diesem Augenblick ein gewaltiges Licht auf. Deswegen hatten High und seine Männer Raven nicht finden können: Er befand sich gar nicht mehr auf der Erde, sondern in einer anderen Welt, nämlich der der Elfen! Warum war ihm dieser Gedanke vorher noch nicht gekommen? Egal, nun wusste er Bescheid. Selbst wenn Dän sich nicht sicher war über Ravens Aufenthaltsort, Bienlein war sich um so sicherer.

"Danke für die Information, kleine blöde Elfe!" meinte er. Dän sah ihn verwirrt an und zupfte an seinem Bart. "Ich vergaß mich vorzustellen!" fuhr Bienlein fort. "Mein Name ist Bienlein!"

Erschrocken flatterte die Elfe zurück und prallte gegen die Kiste, die umstürzte. Erst die hintere Wand des Raumes stoppte Däns Flug endgültig.

"Aber ich dachte, du wärst wie Raven ein Verfechter des Guten!" wimmerte die Elfe. Bienlein lachte nur hämisch. "Du bist sowas von naiv, da glaubt man dir ja fast wieder, dass du tatsächlich eine Elfe bist." Er winkte High, die Elfe einzufangen.

"Na ja, nicht mehr lange, und niemand wird mehr deinen furchtbaren Anblick ertragen müssen. Ich habe überlegt, ob ich dich zuerst foltern lassen soll, bevor ich dich umbringen lasse, aber jetzt ist keine Zeit für Spielchen."

An High gewandt, sagte der Meister der Technik: "Bring die Elfe ins Verlies und verfüttere sie an das Monster!"

"Nein!" schrie die Elfe. Sie wehrte sich mit Händen und Füßen, trat um sich, schlug und versuchte sogar, ihren pinken Zauberstab zu benutzen, um High oder gar Bienlein in eine Kröte zu verwandeln. Aber bevor ihr Zauber wirken konnte, hatte ihr Bienlein den Zauberstab aus der Hand gewunden und zerbrochen. "Hier, das halte ich von eurer Magie. Sie kann mir nichts entgegensetzen, ich bin einfach zu stark!" Bienlein lachte das böseste Lachen, zu dem er imstande war. Die Elfe fing an zu heulen, was nur dazu führte, dass nun auch Sevi ins Lachen mit einfiel. Schließlich konnte Bienlein nicht mehr lachen. Stattdessen gab er High einen weiteren Wink.

"Los, ab mit ihr. Alai ist hungrig!"

Mit langen Schritten eilte Highflyer einen Korridor hinab, an dessen Ende sich eine Tür abzeichnete mit der Aufschrift "Keller". Gefolgt wurde High von der Elfe Dän, die von zwei bösen Chattern flankiert wurde. Die Chatter hatten die Elfe an den Armen gepackt und zerrten sie mit sich. Längst hatte sie jede Gegenwehr aufgegeben, nicht zuletzt, weil Bienlein es gewagt hatte, ihren pinken Zauberstab zu zerbrechen. Nun sah sie keine Chance mehr zur Flucht. Dort hinter dieser Tür wartete ihr Ende, da machte sich Dän nichts vor.

High erreichte die Tür, kramte aus seiner Hosentasche einen Schlüsselbund hervor und verbrachte die nächsten Sekunden damit, den richtigen Schlüssel aus all den anderen zu finden. Er versuchte mehrere, doch erst der sechste Schlüssel passte. High schloss die Tür auf. Dahinter lag eine Treppe, die in die Tiefe führte, in den Keller, wie die Aufschrift auf der Tür schon gesagt hatte. Diese Treppe betraten sie nun, in der gleichen Reihenfolge, zuerst High, dann die beiden Chatter mit der gefangenen Elfe.

Ein Stockwerk tiefer gewahrte Dän eine weitere Tür, an der High jedoch vorbeiging, ohne ihr einen Blick zu gönnen. Stattdessen betrat er eine zweite Treppe, die noch weiter hinabführte. Rötliches Licht flackerte am unteren Ende.

Auf halber Höhe blieb High plötzlich stehen. Er drehte sich zur Elfe um, und sie las so etwas wie Mitleid in seinen Augen, als er sagte: "Dort unten wartet Alai auf dich. Sie ist sehr hungrig, da Bienlein sie schon seit einem Monat nicht mehr gefüttert hat. Sie wird dich fressen, da mach dir mal keine Hoffnung!" Und leise, so dass die anderen beiden Chatter es nicht hören konnten: "Tut mir leid!"

Dän nickte nur. Sie brachte kein Wort hervor, so sehr schnürte ihr die Angst die Kehle zu. Sie war zu jung zum Sterben, dachte sie, sie war doch erst zweihundert Jahre alt.

Weiter ging es die Treppe hinab. Am Fuße der Treppe schließlich erstreckte sich ein langer Gang, der in rötliches Licht getaucht war. Woher dieses Licht kam, konnte Dän nicht ausmachen. Weder sah sie irgendwo Fackeln, noch Glühbirnen. Das Licht schien direkt aus den Wänden zu kommen. Ihr fröstelte bei dem Gedanken.

Sie gingen den Gang entlang. Gelegentlich zweigten Türen ab, doch sie gingen zu schnell, als dass Dän etwas mehr von ihnen erkennen konnte, als dass sie aus rostigem Eisen bestanden und auf menschlicher Augenhöhe eine vergitterte Öffnung hatten, durch die ebenfalls rotes Licht drang. Schließlich wurde Däns Aufmerksamkeit auf eine andere Tür gelenkt, die am Ende des Ganges in die Wand eingelassen war. Sie bestand ebenfalls aus Stahl, aber sah aus wie neu. Ein gewaltiges Schloss versperrte sie. Und sie sah sehr massiv aus.

Diesmal brauchte High nicht lange, um den passenden Schlüssel zu finden, denn es handelte sich um den größten Schlüssel am Bund. Er drehte ihn zweimal im Schloss, es klackte und die Tür schwang auf, von ihnen weg. Grünes Licht fiel aus dem entstandenen Spalt in den Gang.

"Da drin wartet dein Tod!" meinte Highflyer theatralisch. "Du wirst den Raum allein betreten. Kann sein, dass sich Alai dir nicht sofort offenbart; manchmal spielt sie mit ihren Opfern. Sie meint, es mache sie besonders schmackhaft, wenn sie vor Angst zittern. Aber wie ich bereits sagte, sie ist sehr hungrig, also richte dich auf einen schnellen Tod ein!"

Er gab den beiden anderen einen Wink, auf den hin sie die Elfe nach vorn stießen. High drückte im selben Moment die Tür auf. Dän stolperte durch die entstandene Öffnung, verlor das Gleichgewicht und stürzte auf den Boden, der an manchen Stellen hart war, an anderen aber merkwürdig weich und nass. Hinter sich hörte sie, wie die Tür eilends zugezogen und verriegelt wurde. Daneben vernahm sie ein Wispern und Säuseln, dem des Windes nicht ganz unähnlich, doch ohne die Friedfertigkeit, die dem Wispern des Windes innewohnte. An ihrer Stelle lag eine Drohung darin, die nur Däns Ahnung, hier und jetzt sterben zu müssen, bestätigte.

Sonst war alles still. Zu still für Däns Geschmack. Zumal in dem Raum nur ein diffuses grünes Licht herrschte, das mehr verbarg, als es enthüllte. Eine Art Nebel lag in der Luft, der die Sicht zusätzlich behinderte. Irgendwo hinter den Schwaden lauerte Alai, das Monster, von dem Dän noch nicht einmal eine Vorstellung hatte, wie es aussehen konnte. In den zweihundert Jahren, die sie schon lebte, hatte sie noch nie ein Bild eines Monsters gesehen, geschweige denn ein richtiges. Wohlbehütet in der Elfenwelt, war ihr Leben verlaufen. Das rächte sich nun. Denn ohne Erfahrung mit Ungeheuern hatte sie sicher keine Chance.

Dän erhob sich. Dabei fiel ihr Blick auf den Boden. Noch im gleichen Augenblick wünschte sie sich, ihn sich nicht angesehen zu haben. Der eigentliche Betonboden war an einigen Stellen noch zu sehen, aber ansonsten bildete eine dicke Schicht aus farblich undefinierbarem Schleim, in dem menschliche Haare schwammen, den Boden. Angeekelt wischte sich Dän die Hände an ihrem Kleidchen ab und bereute dies sofort, denn nun war es ganz schmutzig. Nicht, dass das bald noch eine Rolle spielen würde, denn sie würde nicht mehr lange leben. Hier kam sie nicht mehr raus, die Haare und der Schleim selbst sprachen eine allzu deutliche Sprache.

Ein Kichern erscholl in ihrem Rücken. Dän fuhr herum, doch auch hinter ihr war nur Nebel. Die Tür schien auf mysteriöse Weise verschwunden zu sein. Wahrscheinlich war der Nebel aber nur so dicht, dass sie sie nicht mehr sehen konnte. Der Gedanke konnte sie jedoch nicht wirklich beruhigen.

Wieder kicherte jemand oder etwas. Wieder kam das Geräusch von hinten. Wieder fuhr Dän herum, nur um wieder nur Nebel zu sehen. Nebel über Nebel. Und plötzlich zwei rote Lichtpunkte, die in der Luft zu schweben schienen, etwas höher als elfische Augenhöhe. Die Punkte verschwanden, wurden irgendwie ausgeblendet, nur um kurz darauf wieder zu erscheinen. Erneut erscholl ein Kichern, diesmal kam es jedoch von vorne. Wer auch immer dort kicherte, er schien in einer Verbindung mit den Lichtern zu stehen, die ein weiteres Mal ausgeblendet wurden, jedoch gleich wieder erschienen.

Plötzlich dröhnte eine weibliche, krächzende Stimme aus dem Nebel. "Sieh an, was haben sie mir denn diesmal für einen Leckerbissen gebracht?" Ein Kichern folgte. "Es sieht fast aus wie eine Elfe... aber eine sehr hässliche Elfe, sicher eine Missgeburt, denn ich habe noch nie eine Elfe mit Bart gesehen!"

"Ich bin nicht hässlich!" begehrte Dän auf und schlug erschrocken über sich selbst die Hand vor den Mund. Dennoch rief sie noch: "Und ich bin keine Missgeburt!"

Die Stimme lachte. "Zugegeben, es ist schon etwas her, seit ich das letzte Mal eine Elfe gesehen habe. Mag sein, dass sich die Elfen seit damals verändert haben...allerdings glaube ich das nicht so wirklich. Also, beweise mir, dass du wirklich eine Elfe bist. Nimm deinen Zauberstab und zaubere mir eine Kleinigkeit herbei - wie wäre es mit einer Flasche Ketchup? Gut gewürzt ist halb gespeist, pflege ich immer zu sagen." Kichern.

"Bienlein hat meinen Zauberstab zerbrochen!" heulte Dän. "Ich kann also nichts mehr herzaubern damit!"

"Hm, das ist ein Problem!" Die Stimme murmelte etwas vor sich hin, das die Elfe nicht verstand, dann hörte Dän scharrende Geräusche. "Ich wusste, ich hab ihn aufgehoben!" rief die Stimme dann triumphierend. Ohne Vorwarnung flog ein dünner länglicher Gegenstand aus dem Nebel direkt auf Dän zu. Automatisch griff die Elfe danach und stellte fest, dass es sich dabei um einen Zauberstab handelte, der ebenso pink wie ihr alter war. Und alt schien der Zauberstab zu sein, denn da waren Zeichen ins Holz geritzt, die einer nicht mehr gesprochenen Elfensprache entstammten. Leider konnte Dän die Sprache nicht mehr lesen, sie kannte die Zeichen nur aus der Elfenwelt, wo sie den Eingang zur Großen Bibliothek zierten.

Alt oder nicht, die Magie der Elfen war stets die gleiche geblieben, also würde Dän auch mit diesem Zauberstab zaubern können. Sie probierte es gleich aus, aber nicht mit einer Flasche Ketchup, wie das Monster (um wen sollte es sich bei der Stimme sonst handeln?) verlangt hatte. Stattdessen murmelte Dän ein paar Worte, schwenkte den Zauberstab - und nichts passierte. Irgendeine Magie herrschte an diesem Ort, die einen Teleport in die Elfenwelt oder sonst wohin unmöglich machte, denn genau das war es, was Dän versucht hatte. Das Ungeheuer kicherte böse.

"Aus dieser Höhle gibt es für niemanden ein Entkommen, auch nicht für Elfen. Dafür sorgt schon der Fluch, der..." Die Stimme sprach nicht weiter. Dän konnte nur raten, was das Monster sagen wollte. Lag vielleicht ein Fluch auf ihm? Wenn ja, welcher Art? Und würde es sie vielleicht verschonen, wenn es ihr gelang, den Fluch aufzuheben?

"Was für ein Fluch?" fragte die Elfe.

"Das geht dich gar nichts an!" fauchte das Ungeheuer. Dabei wallte der Nebel auf, und Dän sah, dass die Lichter keine Lichter, sondern Augen waren. Vom Gesicht sah sie nicht viel, zum Glück, denn es schien abgrundtief hässlich zu sein. Die Haut war grün, von tiefen Falten zerfurcht und über und über von hässlichen Pocken übersät. In den Falten schien sich etwas zu bewegen, kleine Würmer. Mehr konnte Dän nicht erkennen in der einen Sekunde, die das Ungeheuer sich unfreiwillig enthüllt hatte. Darüber war sie sehr froh, denn sie hatte jetzt schon viel zu viel gesehen.

"Bitte!" meinte Dän und versuchte, nicht an den Anblick zu denken. Sie musste nun versuchen, die gute Seite des Monsters zu finden und anzusprechen. Wenn ihr das gelang - also falls das Monster überhaupt so etwas wie eine gute Seite besaß -, konnte sie ihr Leben vielleicht noch retten. Die Elfe setzte all ihre Hoffnung auf diese winzige Chance, denn eine andere sah sie nicht.

"Sag mir doch, unter was für einem Fluch du leidest!" flehte Dän.

Das Ungeheuer schwieg. Die Augen hatte es halb geschlossen, es sah aus, als würde es nachdenken. Schließlich vernahm Dän etwas, das wie ein Seufzen klang. Es konnte aber auch genauso gut etwas anderes bedeuten, zum Beispiel, dass das Monster sich nun auf die Elfe stürzen würde. Doch die Augen rührten sich nicht von der Stelle. Allerdings, fiel Dän auf, hatten sie sich auch nicht bewegt, als das Ungeheuer mit ihr gesprochen hatte...

"Also schön", meinte das Ungeheuer mit leiser Stimme. "Ich bin verflucht, meinen Hunger durch Menschen- und Elfenfleisch zu besänftigen. Etwas anderes kann ich einfach nicht essen. Das war nicht immer so, ich erinnere mich an Zeiten, da aß ich kaum Fleisch, und wenn, dann nur das Fleisch von Tieren. Ansonsten aß ich nur Gemüse und Obst. Ich glaube, ich sah auch anders aus, aber die Erinnerung daran ist verblasst. Für mich ist es nun einfach so, als wäre ich schon immer so hässlich gewesen."

"Oh, du Ärmste!" sagte Dän mitfühlend und meinte es auch so. Ihr tat das Monster auf einmal leid. Schließlich hatte es ja zugegeben, dass es nicht freiwillig Menschenfleisch fraß.

"Na ja, so schlimm ist es gar nicht!" gestand das Monstrum. "Einmal, bei der letzten Fütterung, hatte ich einen Schlagzeuger, sein Name war, so ich mich recht entsinne, Reggae-Matäng... trotz seines hohen Alters war sein Fleisch erstaunlich zart und saftig, er hat mir wohlgemundet. Ich habe mich vorher aber noch sehr gut mit ihm unterhalten und erstaunliche Dinge über Management und Promotion erfahren."

Das Ungeheuer seufzte. "Ach, wem mache ich da etwas vor? Ich will kein Fleisch mehr essen, ich kann es nicht mehr sehen. Aber gegen meine Triebe komme ich nicht an. So kommt es, dass ich mein Leben in dieser Höhle fristen und für alle Zeiten einsam sein muss. Und daran ist nur dieser Fluch schuld."

Hörte Dän da richtig, weinte das Monstrum etwa? Sie hatte es nie für möglich gehalten, dass Ungeheuer weinen können, aber was wusste sie schon von Ungeheuern, noch dazu von verfluchten? Gar nichts. Wie ein wirkliches Monster kam ihr dieses Geschöpf auch gar nicht mehr vor, eher wie eine arme Seele, die einem inneren Zwang immer und immer wieder nachgeben musste, egal wie sehr sie sich auch dagegen wehrte.

"Wie kam es überhaupt zu diesem Fluch?" wollte Dän wissen. Vielleicht lag in der Antwort darauf der Schlüssel zum Ende des Fluchs.

"Nun", begann das Monstrum, "es war vor langer Zeit, da war ich noch anders. Wie gesagt, ich habe vergessen, wie ich aussah, doch ich war noch kein Monstrum. Eines Tages jedoch begegnete ich einem Zauberer. Er erschien mir freundlich, aber das war er nicht. In Wahrheit war er ein Feind der Elfen und suchte nach einer Möglichkeit, sie auszurotten. Sein Plan sah eine Falle vor, wie sie schlimmer nicht sein konnte. Eine Falle ohne Wiederkehr. Als ich ihn traf, hatte er den Ort schon vorbereitet. Es war eine Höhle direkt unter der Stadt. Wieso er ausgerechnet dort seine Falle aufstellte, habe ich nie herausfinden können."

Das Monstrum machte eine Pause, wie um die nächsten Worte zu finden. "Alles, was ihm noch fehlte, waren ein Köder und ein Monstrum, das die Falle auch wirklich zu einer Falle ohne Wiederkehr machte. Monster waren damals aber schon rar gesät, die Menschen hatten sie beinahe alle ausgerottet. Nun war dieser Zauberer aber irgendwie an einen elfischen Zauberstab gekommen, dessen Magie ihn dazu befähigte, Menschen in andere Kreaturen zu verwandeln..."

Diesmal war sich Dän ganz sicher, dass das Monstrum schluchzte. Zu gern wäre sie zu ihm hingegangen und hätte es geknuddelt, aber sie traute sich nicht. Zum einen war das Monstrum immer noch eine Gefahr, allein durch den Fluch, und zum anderen ekelte sich Dän auch etwas. Das Monstrum war hässlich, und es sonderte einen Gestank aus, den Dän erst eben wahrgenommen hatte, der ihr aber fast den Atem geraubt hätte. Sie schämte sich für dieses Verhalten, kam aber nicht dagegen an.

"Der Zauberer", fuhr Alai fort, "verwandelte mich also in dieses Monstrum, das ich heute bin. Und er verfluchte mich, dass ich in dieser Gestalt verweilen und Elfen und auch Menschen fressen muss, solange, bis sich eines Tages eine Elfe meiner erbarmt und mich tötet. Bis jetzt war noch keine Elfe bereit, mich zu töten, und es ist auch schon eine Ewigkeit her, dass eine Elfe hier war.

Bis heute", fügte es hinzu.

"Was geschah mit dem Zauberer?" fragte Dän, ohne auf Alais letzte Worte einzugehen.

"Er verfing sich in seiner eigenen Falle, noch ehe er den richtigen Köder auslegen konnte. Die Elfen, die sich seither hierhin verirrt haben, taten dies aus Zufall, nicht, weil sie etwas angelockt hätte, wie es bei einer Falle normalerweise der Fall ist. Kurzum, ich habe ihn gefressen, der Zauberstab, den du da in der Hand hältst, ist alles, was von ihm übriggeblieben ist."

"Oh!" machte Dän und betrachtete den Zauberstab in ihren Händen. Man sah ihm nicht an, dass er für solch eine böse Tat verantwortlich war. Dän hatte immer gedacht, dass sich Zauberstäbe, die für die falsche Sache eingesetzt wurden, sich schwarz verfärbten und jegliche Magie verloren. Da hatte sie sich entweder geirrt, oder zu der Zeit, da der Zauberer diesen Zauberstab in seine Finger bekommen hatte, hatte dieses Gesetz noch nicht gegolten. Wie dem auch sei, es bedeutete, dass Dän sich wenigstens ihrer Haut erwehren konnte.

"Er hätte mich sowieso nicht von meinem Fluch befreit, da war er sehr deutlich. Keine Ahnung, was er gegen mich hatte. Wahrscheinlich war ich einfach zur falschen Zeit am falschen Ort." Alai seufzte. "Und nun gibt es nur eine Möglichkeit, mich von meinem Fluch zu erlösen - eine Elfe muss mich töten." Es schien auf darauf zu warten, dass Dän darauf etwas erwiderte. Sie hörte ein Klacken, als wenn das Ungeheuer nervös mit den Krallen auf den Boden klopfen würde.

"Nun?" fragte es ungeduldig. Dän tat so, als verstünde sie nicht. "Was - nun?" wollte sie wissen.

"Du bist doch eine Elfe, oder? Oder auf einmal doch nicht mehr?"

"Doch, schon... aber ich kann dich nicht töten. Das Leben in seiner Gesamtheit ist uns Elfen heilig; es auszulöschen ist uns verboten, mag das Geschöpf, um dessen Leben es sich handelt, auch noch so böse sein. Wir dürfen uns nur wehren..."

Das Monstrum riss die Augen auf. "Okay, dann hab ich eine Idee. Ich tue so, als würde ich dich angreifen. Dann kannst du mich töten, denn schließlich musst du dich verteidigen."

Die Elfe überlegte. Die Idee klang nicht schlecht, sie hatte nur einen Haken: Wenn das Monster nicht wirklich angreifen würde, dürfte sich Dän auch nicht wirklich wehren und somit würde sie einen Mord begehen, wenn sie Alai tötete.

Zum Schein sagte sie jedoch: "Okay, einverstanden. Ich werde versuchen, dich zu töten, wenn du so tust, als würdest du mich angreifen."

"Gut!" grollte Alai. "Dann werde ich jetzt..."

"Halt!" rief Dän da aus. "Ich - es tut mir leid, ich kann es nicht tun, wenn du nur so tust, als würdest du mich angreifen. Sorry!"

Da lachte das Monstrum laut und durchdringend auf. "Du naive Elfe," sprach es immer noch lachend, "hast du nicht bemerkt, dass ich dir alles nur vorgespielt habe? Ich bin böse, abgrundtief böse, und ich liebe es. Ich liebe Menschenfleisch und vor allem liebe ich es, kleine Elfen aufzufressen, denn die schmecken immer noch am besten! Daran wird dein kleines Bärtchen auch nichts ändern!"

Dän konnte es nicht fassen. Sie war wirklich naiv gewesen. Schon zum zweiten Mal binnen weniger Stunden war sie auf zwei Personen reingefallen, und von der einen hatte sie sogar gewusst, dass sie ein Monster war. Am liebsten hätte sie sich selbst in den Allerwertesten getreten. Gab es dafür nicht sogar einen Zauberspruch? Wenn ja, so erinnerte sie sich nicht an ihn.

Sie war auch traurig. Warum, wusste sie nicht genau zu sagen. Vielleicht, weil sie immer noch nicht glauben konnte, dass die Geschichte, die ihr das Monstrum erzählt hatte, frei erfunden war. Sie spürte, dass es da einen wahren Kern gab. Wenn sie diesen Kern finden konnte...

Das Monstrum gab ihr dazu keine Gelegenheit. "Ich werde dich nun fressen!" fauchte es. Im gleichen Moment kam Bewegung in die Augen. Der Nebel ging auseinander, als sich ein gewaltiger Körper hindurchschob. Nun sah die Elfe, warum sich die Augen beim Sprechen nicht bewegt hatten. Das Ungeheuer besaß zwei Köpfe. An dem einen saßen die Augen und die Ohren, an dem anderen befanden sich Mund und Nase. Beide Gesichter waren ansonsten identisch, beide waren gleich hässlich. Der Körper des Monstrums war ebenfalls ein Alptraum, ein verzerrtes Abbild eines Pferdetorsos, doch statt Fell bedeckten tausende winzige Stacheln die Haut, die rötlich durch die Lücken hindurch schimmerte. Es hatte sechs krumme Beine, deren Gelenke auf schier unmögliche Art und Weise gebogen waren. An den Klauen, auf denen das Monstrum ging, saßen sieben, mehrere Zentimeter lange Krallen, deren Spitzen rot befleckt waren vom Blut der bisherigen Opfer.

Dän hatte nicht vor, sich zu den Opfern zu gesellen. Sie würde sich wehren, koste es, was es wolle. Und etwas in ihrem Inneren schien das auch so zu sehen, denn ohne ihr Zutun hob sie den Zauberstab, reckte ihn dem Monstrum entgegen und schrie einige magische Worte, von denen sie sicher war, sie nie zuvor vernommen zu haben. Der Zauberstab begann pink zu glühen, Funken sprühten, dann sprang die Energie aufs Monstrum über - und der Zauberstab wurde so heiß, dass Dän ihn nicht mehr in Händen halten konnte und losließ -, suchte sich einen Weg durch die offenstehende Schnauze ins Innere der Kreatur und entfaltete sich dort. Die Wirkung war verheerend. Noch ehe das Monstrum wusste, wie ihm geschah, wurde es von innen heraus zerrissen. Es blieb nicht einmal genug Zeit für einen letzten Schrei, doch es konnte Dän noch einen letzten Blick zuwerfen.

Darin lag eindeutig Triumph.

Dann war das Monstrum tot...

Dän war nicht besonders froh darüber, im Gegenteil. Sie hätte sich gewünscht, es von dem Fluch, so er denn existierte, befreien zu können. Andererseits - hatte das Monstrum nicht behauptet, sein Fluch könnte nur aufgelöst werden, wenn eine Elfe es tötete? Tja, dann war der Fluch nun erloschen, aber das Wesen war tot. Ein seltsamer Fluch, fand Dän.

Plötzlich lag ein Summen in der Luft, das stärker und stärker wurde, immer mehr an Kraft gewann, bis es in Däns Ohren regelrecht schmerzte. Begleitet wurde das Summen von einem aufkommenden Wind, der den Nebel zerteilte und schließlich vollends auflöste. Der Boden begann zu leuchten, zumindest dort, wo der Schleim ihn bedeckte, und auch die Überreste des Ungeheuers wurden von dem Leuchten erfasst. Sie traf es sogar noch stärker. Das Leuchten wurde so hell, dass Dän die Augen schließen musste, um nicht zu erblinden. Selbst dann noch konnte sie das Leuchten durch die Augenlider hindurch wahrnehmen. Gerne hätte sie die Hände schützend über die Augen gelegt, aber mit ihnen hielt sie sich schon die Ohren zu.

Schatten bewegten sich durch das Leuchten. Um was genau es sich handelte, konnte die Elfe nicht sagen. Noch immer hatte sie die Augen geschlossen, nur daran, dass das Leuchten gelegentlich stellenweise weg war, erkannte sie, dass sich etwas bewegte.

Dann war der Spuk vorbei. Das Leuchten verschwand, das Summen verstummte und der Wind ebbte ab. Dän schlug die Augen auf - und die Kinnlade klappte ihr ganz von allein herunter. Wo eben noch eine finstere neblige stinkende Grotte gewesen war, befand sich nun eine Höhle, deren Boden mit Gras und Blumen, die einen süßlichen Duft abgaben, bewachsen war. Weiches gelbes Licht erhellte die Höhle nun. Die größte Überraschung aber war, dass die Überreste des Ungeheuers verschwunden waren. Dort, wo das Monstrum gestanden hatte, als Dän es das letzte Mal gesehen hatte, stand nun ein wunderhübsches Mädchen, das die Elfe dankbar und glücklich anlächelte.

"Hallo!" sagte das Mädchen. "Mein Name ist Alaizabel. Danke, dass du mich von meinem schrecklichen Fluch befreit hast!"

Dän bekam vor Überraschung erst mal kein Wort raus. Noch immer stand ihr Mund sperrangelweit offen, die einzige Bewegung an ihr waren ihre Arme, die, müde geworden vom Ohrenzuhalten, langsam herabsanken.

"Äh - hi!" wiederholte das Mädchen irritiert. Es ging, die Stirn gerunzelt, auf die Elfe zu und blieb einen Meter vor ihr stehen. Als Dän immer noch nicht reagierte, fuchtelte es mit den Armen vor Däns Gesicht herum und rief etwas lauter: "Hey du, verstehst du mich? So sag doch etwas!"

Nichts, keine Reaktion. Da verfiel das Mädchen auf eine uralte Methode, die ihre Wirkung, einen Menschen aus der Apathie zu reißen, seines Wissens nach noch nie verfehlt hatte: Es ohrfeigte die Elfe.

Und wirklich, der Schmerz half. "Autsch, das tut weh!" rief Dän und hielt sich die Wange. "Was erlaubst du dir eigentlich?"

"Entschuldige", sprach Alaizabel und meinte es auch so, "ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte. Du wirktest so abwesend, wie zur Salzsäule erstarrt."

"Schon okay", winkte Dän verlegen ab, als sie sich bewusst wurde, dass sie wirklich einfach nur dagestanden und das Mädchen angestarrt hatte. Alaizabel lächelte. Die Elfe erwiderte das Lächeln.

"So, wer bist denn du?" wollte Alaizabel wissen. "Und was bist du?"

"Mein Name ist Dän, ich bin eine Elfe. Das hättest du doch daraus schließen können, dass ich dich von deinem Fluch befreit habe", antwortete Dän.


"Richtig, stimmt ja, hab ich gar nicht mehr dran gedacht. Danke nochmals. Du hast bei mir echt was gut!"

Dän winkte ab, dabei rot im Gesicht anlaufend. "Ach, das war doch Ehrensache. Hätte jede andere Elfe auch getan..."

Dann, um vom Thema abzulenken, fragte sie: "Also, dieser Fluch, der war tatsächlich echt? Die ganze Geschichte, die mir das Monstrum - äh, die du mir erzählt hast, ist wirklich so geschehen?"

Alaizabel nickte und verzog das Gesicht bei dem Gedanken an die letzten Jahrhunderte. "Genau so war es. Ich wünschte, es wäre anders gekommen, aber seinem Schicksal kann man nicht entkommen, das weiß ich nun."

Dän setzte ein trauriges Gesicht auf und umarmte das Mädchen kurz. Alaizabel ließ sie gewähren und lächelte sogar wieder.

"Was machen wir nun?" fragte sie.

Dän musste nicht lange überlegen. "Sagt dir der Name Bienlein etwas?" erkundigte sich die Elfe.

Alaizabel überlegte angestrengt und nickte dann. "Ich glaube, eines meiner letzten Opfer hat seinen Namen erwähnt. Er ist, soweit ich das heraushören konnte, der Mensch, der momentan diesen Ort hütet - was soviel bedeutet, dass er ihn und damit mich für seine fiesen Ziele missbraucht. Aber worin diese Ziele bestehen, konnte mir die Elfe auch nicht sagen. Ich, äh, hab ihr, äh, nicht die Zeit dafür gelassen. "Beschämt blickte Alaizabel zu Boden. Wieder umarmte Dän sie.

"Du musst die Vergangenheit ruhen lassen", sprach sie dann. "Für das, was du als Monstrum getan hast, bist du nicht verantwortlich. Du unterstandest der höheren Gewalt eines Fluchs. Glaub mir, niemand wird dir einen Vorwurf machen, denn zumindest ich sehe es so, dass nicht du all diese Menschen und Elfen getötet hast, sondern dieses Monstrum namens Alai. Okay?"

Was Dän sagte, leuchtete ihr in gewisser Weise ein, auch wenn es - rein logisch betrachtet - keinen hundertprozentigen Sinn ergab. "Wenn du das so meinst, dann will ich das auch tun", sagte das Mädchen und lächelte erleichtert.

"Was ist nun mit diesem Bienlein?" wollte es wissen.

"Er will die Magie vernichten, jegliche Magie, überall, in allen Welten, und dafür ist ihm jedes Mittel recht. Er tötet uns Elfen, wo immer er unser habhaft wird. Und was er sonst noch alles tut - darüber möchte ich erst mal gar nicht nachdenken. Wir müssen ihn aufhalten", meinte Dän bestimmt und setzte ein entschlossenes Gesicht auf.

"Und wie willst du das anstellen?" fragte Alaizabel. "Immerhin sind wir nur zu zweit und ohne Zauberkräfte."

Dän schüttelte lächelnd den Kopf. "Wir haben immer noch den Zauberstab des Magiers", rief sie triumphierend. Sie sah zu Boden, sich erinnernd, dass sie den Zauberstab hatte loslassen müssen, als sie das Monstrum vernichtete, und entdeckte ihn direkt vor ihren Füßen. Jegliche Farbe wich aus ihrem Gesicht, als sie seinen Zustand bemerkte. Der Zauberstab hatte seine pinke Farbe verloren und war nunmehr pechschwarz. Die Zeichen, die sich vorher darauf befunden hatten, waren sämtlichst ausgebrannt. Mit diesem Zauberstab würde nie wieder eine Elfe zaubern können, er war nur noch ein Stück Holz.

"Nein!" schrie Dän. Sie hob den Zauberstab auf, murmelte einen Zauberspruch und schwenkte den Zauberstab - doch nichts tat sich. Das konnte entweder bedeuten, dass die Magiesperre in der Höhle immer noch wirkte - oder aber, dass der Zauberstab wirklich seine Kräfte verloren hatte. Enttäuscht ließ Dän die Hand sinken, und nach einem kurzen Augenblick ließ sie resignierend den Zauberstab wieder auf den Boden fallen.

"Okay", gab Dän kleinlaut zu, "wir haben doch keinen Zauberstab."

"Und jetzt?"

Die Elfe zuckte mit den Schultern. "Wir werden einfach aufpassen müssen, dass uns niemand bemerkt, wenn wir uns durch Bienleins Haus schleichen."

"Hm, klingt plausibel."

"Dann los."

Die beiden gingen zur Tür, die aus der Höhle hinausführte. Bei ihrem Anblick erinnerte sich Dän an das Geräusch, das beim Verriegeln der Tür von außen entstanden war, nachdem Highflyer sie in die Grotte gestoßen hatte. Sollte ihr Weg also nun schon hier enden? Das konnte nicht sein.

Wider besseren Wissens griff Dän also nach dem Türgriff und drückte ihn herab. Und oh Wunder, die Tür ließ sich mühelos aufziehen! Dän hielt sich nicht lange mit der Frage nach dem Warum auf, sondern schlüpfte durch den Türspalt in den dahinterliegenden Gang, dicht gefolgt von Alaizabel.

Der Gang war immer noch von rotem Licht erleuchtet, und auch diesmal konnte Dän, so sehr sie sich auch danach umsah, dessen Quelle nicht ausmachen. Aber eigentlich war das auch egal. Es zählte nur, dass sie so schnell wie möglich hier herauskamen.

Nun, da hatte sie die Rechnung ohne Alaizabel gemacht. Das Mädchen folgte zunächst der Elfe, als sie den Gang entlanggingen in die einzige Richtung, die ihnen blieb. Doch schon bei der dritten Tür, an der sie vorbeikamen, blieb es stehen und versuchte vergeblich, einen Blick durch die vergitterte Öffnung in der Tür auf den dahinterliegenden Raum zu erhaschen. Also griff Alaizabel nach der Türklinke.

Rasch war Dän neben ihr und hielt ihre Hand fest. "Was tust du da?" flüsterte die Elfe, obwohl weit und breit keine Menschenseele zu sehen oder zu hören war.

"Ich möchte wissen, was sich hinter diesen Türen befindet", antwortete das Mädchen. "Als ich noch ein Monstrum war, hörte ich durch die Tür hindurch hin und wieder Schreie, und ich vermute, dass sich ihr Ursprung hinter einer dieser Zellentüren befindet."

"Aber dafür haben wir jetzt wirklich keine Zeit! Wir müssen hier heraus."

Alaizabel stellte sich stur. "Was, wenn sich hinter diesen Türen etwas Wichtiges befindet? Eine Information, wie wir Bienlein aufhalten können, beispielsweise. Würdest du dich nicht dafür hassen, wenn wir diese Gelegenheit einfach ausließen und du später erfahren würdest, dass du das Leben vieler, vieler Elfen hättest retten können, wenn wir nur einen Blick in einen dieser Räume geworfen hätten?"

Dän überlegte laut. "Sicher, ich würde mich dafür hassen - aber die Wahrscheinlichkeit, dass sich hinter dieser Tür wirklich etwas Wichtiges befindet, ist doch nicht sehr hoch. Allerdings - ach, ein Blick schadet ja nicht."


Alaizabel grinste triumphierend und drückte die Türklinke herunter. Mit einem Quietschen schwang die Tür auf. Dahinter lag eine winzige Zelle, vielleicht anderthalb Meter breit, zwei Meter tief und ebenso hoch. An der hinteren Wand stand ein verrosteter Eimer, über dessen Inhalt Dän gar nicht nachdenken wollte. Er sah nur eine schwärzliche Brühe darin. Der andere Einrichtungsgegenstand war eine Pritsche. Und darauf lag, komplett eingehüllt in eine schmutzige Bettdecke, jemand!

Erschrocken hielt sich Dän die Hand vor den Mund und sah, dass Alaizabel es ihm nachtat. "Wer mag das sein?" flüsterte sie durch die Hand hindurch. Das Mädchen schwieg jedoch. Stattdessen trat es an die Pritsche heran und zog mit einem Ruck die Decke weg.

Mit einem Schrei sprang es zurück, so dass es Dän die Sicht auf den Körper versperrte. Dän versuchte, einen Blick an ihm vorbei zu erhaschen, doch Alaizabel reagierte zu schnell. Sie fuhr herum und stellte sich direkt vor die Elfe. In ihren Augen irrlichterte Panik und purer Ekel, aber auch Mitleid.

"Du solltest dir das besser nicht anschauen!" sagte sie. Dän blickte sie verständnislos an.

"Es ist eine Elfe. Sie ist tot, schon sehr lange Zeit. Dementsprechend schlimm sieht sie aus. Das ist es aber nicht allein... Ich glaube, sie haben sie vor ihrem Tod noch gefoltert!"

Die Elfe erbleichte. Ihre Augen weiteten sich vor Schreck. Sie begann zu schwanken und wäre sicher umgekippt, wenn Alaizabel nicht beherzt zugegriffen und die Elfe gestützt hätte. Dann führte sie sie hinaus aus der Zelle und lehnte sie daneben an die Wand. Dän schien davon nichts mitzubekommen, ihr Blick schien etwas in weiter Ferne erfasst zu haben, von dem sie den Blick nicht abwenden konnte.

Doch mit diesem Zustand hatte Alaizabel ja bereits Erfahrung gemacht.

Eine Ohrfeige später schüttelte Dän verwirrt den Kopf. "Was ist los, warum hast du mich schon wieder geschlagen?" wollte sie wissen.

"Du warst wieder ziemlich apathisch. Und da die Ohrfeige vorhin schon funktioniert hat, dachte ich, sie könnte nicht schaden. Wie fühlst du dich?"

Dän zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung. Die Wange schmerzt, aber sonst... was war denn?"

"Du erinnerst dich nicht mehr an die Elfe dort drinnen?" fragte Alaizabel ungläubig.

"Elfe?" Dän überlegte. "Welche Elfe? Da drinnen -" Dann weiteten sich ihre Augen wieder, und Alaizabel befürchtete, sie würde erneut erstarren. Aber Dän sprach weiter, nun mit zittriger, flüsternder Stimme: "Sie ist tot. Bienlein hat sie umgebracht, einfach so."

Ein neuer Ausdruck trat in Däns Augen, den Alaizabel zunächst nicht einordnen konnte. Erst als die Elfe weitersprach, erkannte sie darin Zorn. "Dafür wird er bezahlen. Ich werde ihn umbringen, ihm sein schwarzes Herz aus der Brust reißen. Ich..."

Dän erschrak sichtlich über ihre eigenen Worte. Entsetzt sah sie das Mädchen an.

"Was habe ich da gesagt?" krächzte sie. "Ich bin eine Elfe, ich könnte keinem Lebewesen auch nur ein Haar krümmen, nicht einmal diesem Widerling. Und trotzdem habe ich mir eben dies gerade vorgestellt, ich sah es förmlich vor meinen Augen!" In ihrer Stimme schwang Abscheu vor sich selbst mit.

"Das ist doch nur natürlich!" versuchte Alaizabel, die Elfe zu beschwichtigen. "Bienlein hat diese Elfe und sicher noch viele andere immerhin gefoltert und getötet, da ist es normal, dass du so reagierst und dir wünscht, ihm würde das Gleiche widerfahren."

Dän schüttelte energisch den Kopf. "Es ist nicht in Ordnung! Ich bin eine Elfe!" wiederholte sie. "Vielleicht lag es einfach daran, dass ich vorher zwar schon gehört hatte, dass er Elfen umbringen ließ; aber davon nur zu hören oder es so drastisch vor Augen geführt zu bekommen, sind zwei verschiedene Dinge. Ich war wohl einfach überwältigt von der Wahrheit."

"Wie gesagt, ich mache dir deswegen keine Vorwürfe", behauptete Alaizabel. Dän sah sie verständnislos an. "Du scheinst nicht zu verstehen", sagte sie. "Elfen sind friedliebende Wesen, denen Gewalt fremd sein sollte. Selbst die Gedanken vor allem an eine so abscheuliche Tat wie die, einem Menschen das Herz herauszureißen, sollten uns nicht kommen, auch nicht unter den widrigsten Umständen. Dennoch hatte ich solche Gedanken. Aus diesem Grund mache ich mir Vorwürfe. Schwere sogar."

"Oh", meinte das Mädchen zerknirscht. "Das hatte ich tatsächlich nicht so verstanden. Tut mir leid."

"Schon okay", meinte Dän und senkte den Blick. "Eines Tages werde ich mir diesen Augenblick vielleicht verzeihen können, aber bis dahin muss ich mit der Schuld leben."

Alaizabel machte ein trauriges Gesicht. "Vielleicht -", begann sie plötzlich.

"Vielleicht was?"

"Vielleicht ist es dieser Ort, der deine Gedanken vergiftet hat. Ich spüre, dass er eine ziemlich böse Ausstrahlung hat - kein Wunder, bin ich beziehungsweise das Monstrum, das ich war, doch zum Teil dafür verantwortlich."

"Ein Grund mehr, hier endlich so schnell wie möglich zu verschwinden", meinte Dän. Alaizabel nickte nur zustimmend. Sie nahm die Hand, die Dän ihr reichte, und gemeinsam eilten sie der Treppe am Ende des Ganges entgegen.

Den Zellen schenkten sie keine weitere Beachtung. So sahen sie nicht, wie hinter manchen Gittern Dinge anfingen sich zu bewegen...

Wie sich herausstellte, war die Tür zu Alais Grotte nicht die einzige, die einem merkwürdigen Zufall zufolge nicht abgeschlossen war. Dän konnte sich nicht vorstellen, dass Highflyer vergessen haben sollte, die Türen hinter sich wieder abzuschließen, und sie konnte sich genau daran erinnern, dass die Türen abgeschlossen gewesen waren, als man sie in die Grotte brachte. Nun ja, darum konnten sie sich später kümmern, erst einmal waren Dän und Alaizabel froh, dass auch die Kellertür offen war. Nun schlichen sie den Korridor entlang, der zur Tür führte. An einer Weggabelung blieben sie stehen und drückten sich an die Wand.

"Wo lang?" wisperte Alaizabel. Dän zuckte mit den Achseln. "Keine Ahnung."

Sie hatten die Wahl zwischen zwei Fluren, einen zu ihrer Linken, den anderen zu ihrer Rechten. Leider konnte Dän nicht mehr sagen, durch welchen Flur sie geführt worden war, als man sie in den Keller hinunterbrachte.

"Links!" sagte sie dann bestimmt. Alaizabel sah sie skeptisch an. "Sicher?"

"Nein", antwortete die Elfe wahrheitsgemäß. "Aber irgendwo müssen wir langgehen. Und ich hab irgendwie das sichere Gefühl, dass wir uns nach links wenden sollten. Oder hast du eine bessere Idee?"

Das Mädchen schüttelte nur den Kopf.

"Dann los." Dän streckte den Kopf vor und sah in die beiden Gänge hinein, um zu sehen, ob die Luft rein war. Als sie niemanden entdeckte, gab sie Alaizabel ein Zeichen, ihr zu folgen, und betrat den Flur. Vorsichtig schlichen sie weiter, bis sie eine offenstehende Tür erreichten. Dän riskierte einen Blick in den dahinterliegenden, fensterlosen Raum. Es schien sich um ein Büro zu handeln, jedenfalls stand darin ein großer Schreibtisch, auf dem sich ein Monstrum von Monitor erhob. Aktenschränke säumten die Wände, an denen Bilder von technischen Geräten wie Computern, Autos und Flugzeugen hingen. Hinter dem Schreibtisch schließlich entdeckte die Elfe einen der bösen Chatter. Es war einer der beiden, die sie und Highflyer in den Keller begleitet hatten. Für einen Moment befürchtete sie, er könnte sie entdeckt haben, weil sein Gesicht der Tür zugewandt war. Doch dann bemerkte sie, dass seine Augen geschlossen waren, und sie vernahm ein leises Schnarchen. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Bienlein Schlafen im Dienst tolerieren würde, aber leider konnte sie es ihm nicht verraten, denn dann würde er sie wieder einsperren und diesmal selbst töten. Schade.

Fast hätte sie laut aufgeschrieen, als sie merkte, was sie da eben gedacht hatte. Es war noch nicht vorbei, entweder wirkte das gesamte Haus einen negativen Einfluss auf sie aus, oder aber sie begann sich zu verändern, und letzteres wollte sie nicht glauben.

Sie verscheuchte den Gedanken daran und wandte sich Alaizabel zu. Mit einer Geste zeigte sie in den Raum, deutete einen schlafenden Menschen an, indem sie die Hände zusammengelegt an die Schläfe hielt, und legte dann den Finger auf die Lippen, als sie weiterging. Alaizabel verdrehte die Augen, so als wollte sie sagen, sie wüsste, dass sie leise sein müsste, gehorchte aber.

Ein paar Meter weiter zweigte ein Gang nach rechts ab. Unschlüssig blieb Dän stehen und sah in den Gang hinein. An dessen Ende gewahrte sie eine Tür, die nach draußen zu führen schien. Also war das ihr Weg in die Freiheit. Das Problem waren jedoch Stimmen, die aus dem Gang an ihr Ohr drangen. Die Elfe konnte nicht verstehen, was sie sagten, aber sie konnte ihren Ursprung ausmachen, ein Zimmer mit offenstehender Tür etwa mittig des Ganges.

"Mist!" fluchte Alaizabel, als Dän ihr davon berichtete. "Was machen wir nun?"

"Wir müssen einfach noch vorsichtiger sein. Die Freiheit ist nahe, dort hinten ist der Ausgang. Ich will einfach nicht nach einem weiteren Ausgang suchen. Ich - ich muss hier raus!" Die letzten Worte hatte sie mit erhobener Flüsterstimme ausgestoßen. Zum Glück hatte sie jedoch niemand gehört, denn die Stimmen änderten sich nicht in ihrem Tonfall, und auch sonst war kein verdächtiger Laut zu hören.

Das Mädchen und die Elfe krochen förmlich auf die Tür zu. Immer lauter wurden die Stimmen und es kamen neue, irgendwie gedämpfte Geräusche hinzu, aber verständlich wurde das, was sie sagten, erst, als die beiden die Tür erreicht hatten und einen Blick in den dahinterliegenden Raum werfen konnten.

Es war ein Wohnzimmer und definitiv das größte Zimmer, das Dän je gesehen hatte. Dafür war es jedoch recht karg eingerichtet. In ihrer Blickrichtung stand ein riesengroßer Fernseher, daneben stand eine Stereoanlage, hypermodern, wie es sich gehörte, und ein paar Schränke ergänzten die Einrichtung. Ein einsames Sofa stand vor dem Fernseher, ansonsten gab es keine Sitzgelegenheiten.

Der Fernseher lief, und die Stimmen, die sie gehört hatten, drangen aus seinen Lautsprechern. Bei der laufenden Sendung handelte es sich um eine Show, bei der berühmte Wissenschaftler auftraten und von ihren Entdeckungen berichteten. Im Augenblick diskutierten Stephen Hawking und der Moderator der Show die Entdeckung von Strings, allerdings auf englisch, so dass Alaizabel nicht verstehen konnte, worüber sie sprachen. Dän sprach Englisch und konnte somit dem Wortwechsel von der Sprache her verfolgen, aber der Inhalt war zu hoch für sie.

Immerhin wussten sie nun, dass keine Gefahr drohte, schließlich schien der Raum leer zu sein. Dän wollte gerade an der Tür vorbeigehen, als eine Bewegung auf dem Sofa sie zusammenzucken ließ. Eng drückte sie sich an die Wand und riskierte dann einen erneuten Blick in den Raum. Zuerst schien er wieder leer zu sein, doch dann wiederholte sich die Bewegung. Schwungvoll geschleuderte lange Haare erschienen über der Sofalehne und fielen wieder zurück. Nun konnte Dän auch die anderen Geräusche identifizieren, die sie schon die ganze Zeit unterbewusst wahrgenommen hatte. Es war ein Stöhnen und Quietschen.

Es folgte ein befreit klingender jubelnder Schrei, dann wurde es still.

"Was -?" fragte Alaizabel in dem Augenblick. Dän fuhr herum und zischte ihr zu: "Still, da ist wer drin. Ich weiß nur noch nicht, wer. Scheint sich jedenfalls um eine Frau und einen Mann zu handeln."

"Und was machen sie?"

"Dafür bist du noch zu jung", meinte Dän nur und widmete ihre Aufmerksamkeit wieder dem Treiben im Wohnzimmer. Inzwischen hatten sich die Liebenden erhoben, um sich anzuziehen. Die Kleidung, die auf dem Boden lag, hatte Dän auch total übersehen. Warum? fragte sie sich, fand aber keine vernünftig klingende Antwort. Darüber dachte die Elfe aber auch nicht nach, als sie sah, wer sich da gerade anzog. Es waren Bienlein und seine hübsche Assistentin Sevi!

Er wusste nicht mehr genau zu sagen, wer von ihnen auf die verrückte Idee kam, auf dem Sofa Liebe zu machen. Er erinnerte sich, dass es ganz harmlos angefangen hatte. Sie hatten vor dem Fernseher gesessen und "Wissenschaft hautnah" geschaut, weil in der Sendung jemand zu Gast sein würde, dessen Arbeiten Bienlein brennend interessierten. Doch bis es soweit war, langweilten er und Sevi sich. Er legte seinen Arm um sie, damit hatte alles angefangen. Gefolgt waren Küsse, zuerst normale, dann leidenschaftliche Küsse, bis sie schließlich nicht mehr mitbekamen, was auf dem Fernseher gerade gezeigt wurde. Und plötzlich waren sie beide nackt und mitten im Akt.

So schnell, wie es begonnen hatte, war es auch schon wieder vorbei. Nahezu gleichzeitig erlebten sie ihren Höhepunkt. Anschließend zogen sie sich wortlos wieder an und taten so, als wäre es nicht passiert. Ihm hatte es gefallen, aber Sevi war danach seltsam distanziert. Sie setzte sich nicht wieder genau neben ihn, sondern ans andere Ende des Sofas. Und sie sah ihn nicht an, ganz so, als bedrückte sie etwas. Aber Bienlein dachte nicht darüber nach, was es sein konnte, denn es lag auf der Hand. Sie hatten gerade auf dem Sofa im Wohnzimmer miteinander geschlafen, quasi in aller Öffentlichkeit. Jederzeit hätte einer der Chatter hereinkommen und sie überraschen können. Kein Wunder also, dass Sevi so tat, als wäre sie peinlich berührt von dem, was eben geschehen war. Sie war es.

Weitere Gedanken machte sich Bienlein nicht darüber, denn nun kündigte der Moderator der Show, die immer noch lief, einen Gast an, den letzten für die heutige Sendung. Bienlein konzentrierte sich ganz auf das Geschehen auf dem riesigen Bildschirm, wo sich nun ein Mann neben den Moderator setzte. Das Aussehen des Mannes ließ auf einen Exzentriker schließen: Er trug einen abgewetzten braunen Schlapphut und einen ebenso abgenutzten legeren Anzug, an dessen Gürtel eine zusammengerollte Peitsche hing, offenbar jederzeit griff- und einsatzbereit. Die Schuhe konnte Bienlein nicht erkennen, aber das war auch nicht nötig. Sie starrten sicher vor Staub.

"Guten Tag, Herr Jones", begrüßte der Moderator seinen neuen Gast. "Für Ihr Alter haben Sie sich erstaunlich gut gehalten - und Sie erinnern mich irgendwie an Nicolas Cage, dabei hatte ich Sie mir vorher immer als Harrison-Ford-Typ vorgestellt..."

IndianaJones lächelte. "Nun, das sagen mir viele, wenn sie mich das erste Mal sehen. Ich habe selbst keine Ahnung, wieso ich Ähnlichkeit mit Harrison Ford haben sollte. Schließlich sind meine Abenteuer noch nicht verfilmt worden - und mittlerweile dürfte Ford dafür dann auch schon zu alt sein, da würde auch eher Nicolas Cage zu passen."

Der Moderator wirkte etwas irritiert. "Ich dachte immer, Archäologie wäre ein, verzeihen Sie mir, sehr öder Beruf. Den ganzen Tag irgendwelche Ruinen freilegen, durch den Staub kriechen... Nicht gerade ein Beruf, mit dem man das Wort 'Abenteuer' verbinden würde."

"Na ja, für den echten Archäologen sind solche Ereignisse wie der Fund einer vorchristlichen Ruine beispielsweise schon ein Abenteuer. Doch gegen die Entdeckungen, die ich gemacht habe, nimmt sich so eine Ruine wie ein Kieselstein gegen einen Berg aus - sie ist einfach unbedeutender. Was ich entdeckt habe, übertrifft alle Vorstellungen und wird vielleicht zu einer Neuschreibung der Geschichte der Menschheit führen."

"Wirklich?" fragte der Moderator - Bienlein hatte sich seinen Namen nicht gemerkt, dafür war er einfach zu unwichtig. Er sah zu Sevi hinüber und stellte fest, dass sie zwar den Blick auf den Fernseher gerichtet hatte, aber in ungewisse Ferne zu schauen schien. Was sie dort sah, wusste er nicht zu sagen, aber es schien sie sehr zu beschäftigen.

Weiter konnte er sich nicht mit ihr befassen, denn nun berichtete IndianaJones von seiner tollen Entdeckung, und genau deretwegen guckte Bienlein die Sendung überhaupt. Er hatte das Gefühl, dass sie sehr wichtig für ihn war. Doch aus welchem Grund, wusste er nicht zu sagen.

"Ich habe", begann der Professor, um dann eine Pause einzulegen, um die Stimmung zu erhöhen, bevor er fortfuhr: "die Ruinen einer vor zehntausend Jahren untergegangenen Zivilisation ausgegraben!"

Das Publikum im Studio sog hörbar den Atem ein, und Bienlein begann sich zu fragen, warum er sich diese Sendung nun antat. Wie konnten ihm die Ruinen einer untergegangenen Zivilisation dabei helfen, die Welt von der Magie zu befreien?

"Wir konnten mittlerweile mehr über diese Zivilisation herausfinden", führte IndianaJones weiter aus. "Die Menschen damals nannten sich Magitas. Technologisch waren sie, so unglaublich es klingen mag, auf dem heutigen Stand. In den Ruinen fanden wir videorecorderähnliche Objekte, Computer, benzingetriebene Fahrzeuge und desgleichen mehr. Der wichtigste Fund aber waren die Aufzeichnungen, die es in der sehr umfangreichen Bibliothek gab. Zu unserem Glück war dieses Gebäude am besten erhalten. In diesen Aufzeichnungen nun", er trank einen Schluck aus einem Glas, das für ihn bereit stand," stand, dass die Magitas ihr Leben ganz der Technologie gewidmet hatten."

Der letzte Satz ließ Bienlein aufhorchen. Das klang doch sehr interessant. Hatte ihn seine Intuition etwa doch nicht getrogen? Es wäre ja zu schön.

"Für etwas anderes gab es in ihrem Leben keinen Platz, und wie es aussieht, gab es daneben in ihrer Zivilisation auch nichts anderes. Sachen wie Philosophie, Magie und sonstige paranormale Phänomene werden mit kaum einem Wort in ihren Aufzeichnungen erwähnt, allerdings haben wir auch noch nicht alle Bücher gelesen, vor allem, da wir noch nicht zu allen Bereichen der Bibliothek Zugang haben. Ein Bereich ist zum Beispiel schwer versiegelt, aber wir rechnen damit, dass wir das Schloss bald geknackt haben. Doch wir hatten dafür nochmals an anderer Stelle Glück, ihre Schrift gleicht sehr der unseren, so dass wir kaum Probleme hatten, ihre Sprache zu übersetzen."

"Das hört sich alles sehr interessant an", kommentierte der Moderator.

"Oh ja, das ist es in der Tat. Zu erleben, wie die Überreste einer längst vergessenen Zivilisation gefunden werden, ist einfach unglaublich. Besser als Sex, wenn sie mir diese Bemerkung gestatten", fügte IndianaJones zwinkernd hinzu.

"Äh, wenn sie meinen", stammelte der Moderator überrascht. Sein Gast lächelte.

Mehr sah Bienlein nicht. Er schaltete das Fernsehgerät aus und murmelte: "Interessant, keine Magie... hm, was meinst du dazu, Sevi?"

"Was? Wozu?" schrak Sevi aus ihren Gedanken. "Worum gehts?"

Bienlein klärte sie auf, erzählte ihr von den Ruinen einer Zivilisation, die keine Magie kannte. Dann fragte er, mehr zu sich selbst: "Wie mögen sie es geschafft haben, dass es keine Magie mehr gab?"

Sevi wusste auch keine Antwort. "Vielleicht gab es damals noch keine Magie", vermutete sie. Doch Bienlein schüttelte nur den Kopf. "Nein, ich weiß aus sicherer Quelle, dass es damals schon Magie gab. Magie existiert, seit das Universum existiert, und das ist bewiesen. Nein, diese Mageritas oder wie die hießen müssen es irgendwie geschafft haben, jegliche Spur von Magie aus ihrer Zivilisation zu tilgen."

"Dann solltest du vielleicht diesen Professor danach fragen", schlug Sevi vor. Bienleins Gesicht erhellte sich. "Du bist ein Genie!" rief er aus. "Kein Wunder, dass ich dich liebe!"

Sevi sah verlegen weg. Doch das bemerkte Bienlein gar nicht, er griff nach dem Telefon, das in die Sofalehne eingelassen war, und wählte eine Nummer...

Dän sah, wie Bienlein den Hörer nahm und ans Ohr hielt. Diesen Augenblick hielt sie für den besten, um ungesehen an der offenen Tür vorbeizukommen. Sie signalisierte Alaizabel, ihr zu folgen, und schlich los. Und wirklich, niemand bemerkte sie. So gelangten sie an die Haustür, wie sich herausstellte, öffneten sie und atmeten gleich darauf die Luft der Freiheit. Sie machten, dass sie so schnell wie möglich soviel Distanz wie möglich zwischen sich und Bienleins Anwesen brachten.

Schließlich ging es, wie Dän instinktiv wusste, nicht länger nur um ihr Überleben, sondern vielleicht auch um das aller magischen Wesen. Sie hatten nun Informationen, die sehr wertvoll sein konnten.

Aber um das genau herauszufinden, mussten sie die Hohen Elfen fragen...

Alaizabels und Däns Flucht war nicht ganz so unbemerkt vonstatten gegangen, wie sie geglaubt hatten. Ein Paar Augen verfolgte ihren Weg über das Grundstück durch den Gardinenspalt eines Fensters im Erdgeschoss. Kaum waren die Elfe und das Mädchen verschwunden, seufzte der Mann erleichtert und ließ die Gardine zurückfallen. Drinnen machte er sich an die Arbeit. Diese bestand darin, die Kellertüren wieder zu verschließen, die er vorher aufgeschlossen hatte. Er musste seine Spuren verwischen. Noch sollte Bienlein nichts von seinen wahren Intentionen erfahren.

Noch nicht...

Bereits drei Stunden, nachdem Bienlein telefoniert hatte, um ein Treffen mit Professor Jones zu arrangieren, fand dieses Treffen in einem einsamen Hinterhof irgendwo in der Stadt statt. Außer Bienlein und dem Professor waren noch Highflyer, Sevi - die noch immer abwesend wirkte, ganz als würde sie etwas bedrücken; aber noch hatte Bienlein einfach keine Zeit, um sich mit ihren Problemen auseinander zusetzen, er hatte selbst genug Probleme zur Zeit - und ein Assistent des Professors, dessen Namen Bienlein nicht kannte, anwesend.

Die Begrüßung fiel recht wortkarg aus. Jeder nannte seinen Namen - der des Assistenten lautete MasterT -, und dann kam Bienlein auch gleich auf sein Anliegen zu sprechen. Er hatte keine Zeit zu vergeuden. Je schneller er von IndianaJones die Informationen hatte, die er haben wollte, umso schneller würde er ein Mittel gegen die Magie in Händen halten, davon war er fest überzeugt.

"Herr Professor", begann er und wurde vom Professor unterbrochen. "Bitte, nennen Sie mich doch IndianaJones. Die Anrede 'Herr Professor' hat mir noch nie besonders zugesagt, sie ist mir zu förmlich. lediglich meine Studenten nennen mich so."

"Okay", meinte Bienlein leicht verärgert, "IndianaJones, ich habe gehört, Sie hätten die Überreste einer vergangenen Zivilisation ausgegraben, in der es nur Technik gab, aber keinerlei Hinweise auf Magie oder derlei Dinge. Ist das korrekt?"

IndianaJones nickte. "Sie sprechen vom Reich der Magitas. Es stimmt, aus den bisherigen Funden konnten wir schließen, dass die Magitas ein rational denkendes Volk war - allerdings haben wir auch Hinweise entdeckt, die darauf hindeuten, dass die Magitas auch Magie kannten. Wie es aussieht, haben sich damals die Technikliebenden mit den Magieliebenden in die Haare gekriegt, um es mal so salopp auszudrücken, und das Ergebnis war ein regelrechter Krieg, der viele Jahre getobt haben muss, den Unterlagen zufolge. Den Sieg trug eindeutig die Technik davon, die Magie scheint damals vollkommen ausgelöscht worden zu sein. Warum interessieren Sie sich so dafür?"

Während er Indianas Worten gelauscht hatte, hatte Bienlein angefangen zu grinsen, und als er die magischen Worte "die Magie scheint damals vollkommen ausgelöscht worden zu sein" vernahm, konnte er sich ein leises frohlockendes Lachen nicht verkneifen. Nun wurde er wieder ernst. "Meine Beweggründe gehen Sie nichts an. Aber ich habe Ihnen ein Angebot zu machen, dass Sie unmöglich ablehnen können. Aus zuverlässiger Quelle weiß ich nämlich, dass Ihnen für Ihre Forschungen das Geld ausgeht. Daran ändert auch diese sensationelle Entdeckung nichts. Ich wäre nun bereit, Sie zu finanzieren - wenn Sie mir bei meiner Suche nach den Waffen, die die Magitas damals eingesetzt haben, helfen. Was sagen Sie?"

Sehr begeistert wirkte IndianaJones nicht, eher im Gegenteil. Doch Bienlein hatte recht: Wenn er nicht bald einen Sponsor für seine Ausgrabungen fand, musste er schon in einem Monat seine Zelte am Fundort abbrechen. Also konnte er nicht wählerisch sein, selbst wenn ihm der Sponsor nicht gefiel. Und Bienlein war ihm suspekt. Der Mann hatte etwas Düsteres an sich; eine Aura umgab ihn, die nichts Gutes verhieß. Bienlein war ein Mann, den man besser nicht zum Feind hatte. Ein weiterer Grund, sein Angebot anzunehmen, denn Indiana traute es ihm durchaus zu, dass er ihn für alle Zeiten in der Versenkung verschwinden ließ, sollte er sich weigern, für ihn zu arbeiten.

Seufzend nickte er. Bienlein grinste hämisch und streckte die Hand aus. "Also abgemacht. Bereits übermorgen wird Ihnen wieder genug Geld für Ihre Forschungen zur Verfügung stehen. Allerdings bestehe ich darauf, dass wir schon morgen aufbrechen, denn meine Zeit ist knapp bemessen. Seien Sie um acht Uhr bereit, Highflyer wird Sie von Ihrer Wohnung abholen."

Widerstrebend ergriff IndianaJones die ihm gereichte Hand und schüttelte sie. "Okay, ich werde bereit sein. Bis morgen also."

"Bis morgen."

Als Bienlein und seine Spießgesellen fort waren, wandte sich Indiana vertrauensvoll an seinen Assistenten. "MasterT, sag mir bitte, dass ich keinen Fehler gemacht habe. Sag mir bitte, dass ich gerade keinen Pakt mit dem Teufel geschlossen habe."

MasterT sah ihn mitleidig an. "Dann müsste ich aber lügen. Mit diesem Bienlein ist sicher nicht zu spaßen, der hätte dich garantiert kaltgemacht, wenn du abgelehnt hättest. Und mich gleich mit", fügte er hinzu.

Indiana seufzte erneut. "Danke für deine Ehrlichkeit. Ich glaube, jetzt könnte ich etwas Alkoholisches vertragen. Trinkst du mit?"

MasterT nickte. Gemeinsam gingen sie in den nächsten Pub, um sich zu besaufen. Indiana war es egal, ob er am nächsten Morgen einen dicken Schädel hatte oder nicht. Im Gegenteil, vielleicht half ihm dieser dabei, sich morgen von der Vorstellung, mit dem Teufel zusammenzuarbeiten, abzulenken.

Unterdessen hatten Alaizabel und Dän Unterschlupf in einem seit Jahrzehnten verlassenen und deshalb schon halb verfallenen Haus gefunden. Hineinzukommen war sehr einfach gewesen, denn die Eingangstür hatte nur noch schief in den Angeln gehangen. Das modrige Holz war von der Wucht von Alaizabels Tritt gegen die Tür regelrecht pulverisiert worden.

Drinnen hatte sie ein muffiger Geruch erwartet. Doch das machte ihnen kaum etwas aus; die Hauptsache war, sie hatten fürs erste ein Dach über dem Kopf und ein hoffentlich sicheres Versteck.

Nun hockten sie in einem Raum, der früher einmal das Wohnzimmer gewesen sein musste. Er war der einzige Raum, der noch einigermaßen in Schuss war. Die anderen Räume waren zu stark dem Verfall anheim gefallen, als dass sie sich darin länger aufhalten wollten und konnten. Allerdings gab es keine Möbel mehr, auf denen sie sitzen konnten, also hatten sie an einer Stelle den Schutt beiseite geschoben und sich auf den Boden gesetzt. Die Versuchung war groß gewesen, im Kamin ein Feuer zu entzünden, aber die Idee hatten sie schnell wieder verworfen, da es zu auffällig gewesen wäre, wenn Rauch aus dem Schornstein eines verlassenen Hauses gekommen wäre. Außerdem sprach noch anderes dagegen. Möglicherweise war der Schornstein verstopft, so dass der Rauch nicht würde abziehen können; und dann fehlte ihnen auch noch ein Mittel zum Feuermachen. Die Elfe wusste nicht, ob ihre Magie ohne Zauberstab imstande war, Feuer zu entfachen.

Da es relativ kalt war und sie aus den genannten Gründen kein Feuer machen konnten, saßen sie eng beieinander und spendeten sich gegenseitig Wärme.

"Was machen wir nun?" fragte Alaizabel in die herrschende Stille hinein. Dän blickte auf.

"Wir müssen auf jeden Fall die anderen Elfen finden und ihnen von unseren Erkenntnissen berichten. Nur wie wir das anstellen können - das weiß ich nicht."

"Gibt es denn hier nicht irgendwo noch andere Elfen?"

Die Elfe schüttelte den Kopf. "Uns ist es normalerweise verboten, die Welt der Menschen zu betreten. Das war nicht immer so, aber ich weiß nicht, wie lange es her ist, dass wir sogar regelrecht auf der Erde lebten. Nun aber gibt es das Verbot, und daher wird es schwer werden, hier eine Elfe zu finden. Die einzige Möglichkeit wäre, wenn eine andere Elfe genau wie ich das Verbot missachtet hätte und sich nun hier aufhielte. Leider wäre es fast unmöglich, sie zu finden, denn eure Welt ist doch sehr groß. Außerdem rennt uns die Zeit davon."

Alai ließ den Kopf hängen. Dän sah ihr an, dass sie angestrengt nachdachte. Sie folgte dem Beispiel des Mädchens und fing an zu grübeln. Doch keine Idee kam ihr, keine Erleuchtung. Es war, wie sie gesagt hatte: Die einzige Elfe auf Erden war höchstwahrscheinlich sie.

"Wie wäre es", sagte Alaizabel plötzlich, "wenn wir einfach selbst in eure Welt reisen und dort jemanden aufsuchen?"

"An sich keine schlechte Idee", meinte Dän. "Da gibt es nur ein paar kleinere Probleme. Das erste wäre, dass es den Menschen verboten ist, das Reich der Magie zu betreten. Ich habe zwar schon ein Verbot übertreten, aber das wäre etwas völlig anderes. Die Strafe dafür würde dich auch treffen, und ich möchte nicht, dass dir irgend etwas passiert. Doch da gibt es sowieso noch Problem Nummer Zwei. Ich habe meinen Zauberstab verloren, na ja, eigentlich hat Bienlein ihn zerstört, und ohne ihn kann ich keinen Teleport ins Reich der Magie durchführen."

Dän wurde erst jetzt die ganze Tragweite des Verlusts ihres Zauberstabs bewusst. "Ich kann nie wieder nach Hause!" rief sie entsetzt. Tränen schossen ihr in die Augen. "Ich bin hier gestrandet, für immer!"

Alaizabel schloss die weinende Elfe in die Arme und hielt sie fest. "Du bist sicher nicht für ewig hier gefangen. Die anderen Elfen werden dich doch sicher vermissen und nach dir suchen, oder nicht?" versuchte das Mädchen die Elfe aufzumuntern. Deren Tränen versiegten so schnell, wie sie gekommen waren. "Du hast recht!" schluchzte Dän. "Sie werden sicher bald bemerken, dass ich verschwunden bin. Sicher morgen schon, denn da ist das Große Fest der Errettung. Jede Elfe ist zur Anwesenheit verpflichtet, und diese Anwesenheit wird kontrolliert. Dabei wird festgestellt werden, dass ich nicht da bin. Die anderen Elfen werden mich also zuerst im Elfenland suchen, und dann, da sie mich dort nicht finden werden, auf der Erde. Bis dahin haben wir noch eine Aufgabe: Wir müssen jemanden finden, der uns gegen Bienlein hilft."

Alai ließ Dän los. "Aber wer käme da infrage?"

"Magicraven", meinte Dän.

"Wer?" fragte Alai ratlos.

"Er ist ein Mensch, der gegen Bienlein kämpft, ein Verfechter der Magie und unsere einzige Hoffnung. Oh, warte", meinte Dän. "Ich habe Grund zur Annahme, dass Magicraven gar nicht mehr auf der Erde weilt, sondern von den Hohen Elfen ins Reich der Magie mitgenommen wurde, obwohl es verboten ist."

"Und nun?" Das Lächeln, das sich gerade auf Alais Gesicht geschlichen hatte, verschwand abrupt wieder ob dieser schlechten Neuigkeit.

"Nun, Magicraven kämpfte nicht allein. Ihm zur Seite standen zahlreiche Gefährten, die uns sicher helfen können. Wir finden sie ganz bestimmt an einem Ort namens 'Chatroom'. Morgen in aller Frühe werden wir diesen Ort suchen. Doch heute nacht sollten wir erst einmal schlafen."

Alai nickte zustimmend. Beide versuchten nun, etwas Schlaf zu finden. Doch es gelang ihnen erst nach Stunden des Wachens, in denen sie an den folgenden Tag und an das Reich der Magie dachten.

Als nach dem Schlucken des Getränkes ein entspanntes Lächeln auf seinem Gesicht erschien, nickten die drei ihm zu und erhoben sich. „Trink die Tasse aus, dann wird es dir besser gehen“, riet ihm eLa, bevor sie sich abwandte. „Wir sind bald zurück."

Die Elfen entfernten sich einige Meter von Magicraven, bis sie außerhalb seiner Hörweite waren. „Bist du sicher, dass es eine gute Idee ist, ihn allein zu lassen?“ Zweifelnd sah Kati die andere Hohe Elfe an. „Er ist durch und durch gut und auf unserer Seite“, erwiderte eLa überzeugt. „Aber er ist ein Mensch, eLa, und er ist in unserem Reich. Er weiß nichts von unseren Regeln, nichts von unserer Welt. Er sollte hier nicht alleine sein, zu unserem Schutz..., und zu seinem!"

Einen Moment schwiegen die beiden Hohen Elfen. Es kam nicht häufig war, dass sie sich uneins waren. Doch dann nickte eLa zustimmend. „In Ordnung, vielleicht hast du Recht.“

„Ich könnte hier bleiben und aufpassen“ bot Tinkerbell augenblicklich an, doch die beiden schüttelten - sofort wieder einer Meinung - den Kopf. „Nein, wir brauchen dich bei der Versammlung, wir brauchen so viele Fürsprecher für unsere Mission wie möglich." „Ich werde Thomas fragen,“ erklärte eLa auf einmal. „Er ist sicher auf unsere Seite, denn er liest uns jeden Wunsch von den Augen ab, aber er als Hirte hat auf einem Elfenrat nichts verloren."

Die beiden anderen nickten zustimmend und mit einem leichten Grinsen auf dem Gesicht. Sie wussten, dass Thomas, um genau zu sein, für eLa alles tun würde.

Daraufhin erhob sich die kleinste der Elfen mit einem kräftigen Flügelschlag in die Luft und verschwand in Richtung der Einhornherden, wo sie Thomas sicher antreffen würde.

Kati nickte Tinkerbell zu, und die beiden hoben ebenfalls vom Boden ab. „Jetzt schnell, versuchen wir so viele wie möglich vor dem Rat auf unserer Seite zu bekommen. Wir haben nicht viel Zeit.“ Die Angesprochene nickte ebenfalls, und sie flogen beide in Richtung des Waldes, doch trennten sie sich, sobald sie diesen erreicht hatten.

Während Kati tiefer hineinflog, zu den Bäumen der Hohen Elfen, blieb Tinkerbell im lichteren vorderen Bereich. Sie hatte sich vorgenommen, zuallererst ihre Freundin Jani aufzusuchen, die ihr ganz sicher behilflich sein würde. Schon nach nur wenigen Minuten hatte sie deren Baum erreicht und landete auf einem ausgebauten Ast, der als – wie es die Menschen ausdrücken würden – Veranda diente. Auch jetzt berührte sie den Boden kaum, sondern schwebte in Elfenart darüber. Obwohl sie dabei fast lautlos war, hatte Jani sie schon bemerkt und empfing ihre Freundin mit einer Umarmung.

„Du bist zurück! Und es geht dir gut!“ „Also hast du es schon gehört...“ „Tinker! Keiner redet mehr von etwas anderem. Der Kampf, der Mensch, den ihr gerettet habt... ist er wirklich hier? Wie ist er so? Kann ich ihn sehen?“

Tinkerbell musste leicht schmunzeln, als dieser Fragensturm von Jani auf sie einprasselte. Jani hatte ebenfalls blonde Haare, allerdings in einem helleren Ton, ähnlich dem von eLa. Sie war etwas kleiner als Tinkerbell, trug aber die gleichen grünen Gewänder und hatte ebenfalls ein Paar durchsichtiger Flügel.

„Ja, er ist hier,“ antwortete sie, als die andere Elfe für einen kurzen Moment in ihrem Redeschwall innehielt, „und es geht ihm besser. Wir kamen gerade noch rechtzeitig. Wir...“

Doch sie wurde unterbrochen, bevor sie überhaupt beginnen konnte, von der Mission zu sprechen.

„War es wirklich so gefährlich, wie alle sagen? Tinker, ich habe mir solche Sorgen gemacht!“

Tinkerbell lächelte, gerührt von der Sorge ihrer Freundin. „Nun ja... es war... gefährlich, aber Kati und eLa hatten die Sache im Griff. Unser Angriff kam überraschend genug, als dass sie sich hätten verteidigen können. Aber das nächste Mal haben wir so keine Chance.“

„Das nächste Mal?“ Ungläubig sah die junge Elfe die andere an.

„Ja, wir müssen diesem Menschen helfen. Jani, die Geschichten, die wir gehört haben, sind wahr, es gibt noch Menschen, die an die Magie glauben, aber es sind wenige, und die anderen versuchen sie auszulöschen. Das dürfen wir nicht zulassen. Kati und eLa wollen nachher bei dem Elfenrat versuchen, bei Andris zu erreichen, dass wir uns in diesen Kampf einmischen dürfen, aber dazu brauchen wir so viele Leute, die unserer Meinung sind, wie möglich. Hilfst du mir?“

Stumm blickte Jani Tinkerbell an und dachte nach. „Einen Krieg? Wir empfinden keinen Hass, wir töten nicht, wir sind friedlich. Wir wissen doch gar nicht, wie man kämpft.“

„Die Hohen Elfen wissen es, und sie können es uns zeigen.“

„Aber wir sind gut, wir fügen niemandem Schaden zu. Und außerdem... ein Krieg?! Tinker... ich weiß nicht, das ist nie etwas Gutes, und man sollte Magie nicht zum Bösen einsetzen. Und es macht mir Angst.“

Verwirrt und verletzt sah Tinkerbell ihre Freundin an. Sie war sicher gewesen sie würde ihr sofort helfen. „Aber dieser Krieg findet vor unseren Augen statt,“ versuchte sie es noch einmal. „Wir können entweder abwarten, zusehen, wie alle, die noch an Magie glauben, ausgelöscht werden, und hoffen, dass wir in Sicherheit sind, oder wir können für das, woran wir glauben, kämpfen!“

„Du hörst dich schon an wie eine von diesen Hohen Elfen. Du bist schon viel zu lange mit ihnen zusammen. Du bist eine von uns, schon vergessen?“

„Kati und eLa sind auch nicht anders als wir“ verteidigte sich Tinkerbell.

Beide schwiegen sich einen Moment an, die Blicke auf den Boden gerichtet. Dann ergriff die Assistentin der Hohen Elfen erneut das Wort. „Also, was ist jetzt? Hilfst du mir?“

Doch Jani schüttelte nur den Kopf. „Ich weiß nicht... ich find’ das nicht gut...“

Damit hatte Tinkerbell genug gehört. „Dann eben nicht!“ Sie drehte sich abrupt um und war mit zwei Flügelschlägen aus dem Baumhaus verschwunden. Dass Jani ihr noch ein enttäuschtes „Tinker!“ hinterher rief, ignorierte sie.

Sevi verabschiedete sich von Bienlein mit der Begründung, in der Stadtbibliothek nach den Magitas recherchieren zu wollen. Doch sie fuhr nicht zur Bibliothek, sondern an dem großen Gebäude vorbei, ohne es eines Blickes zu würdigen. Ein paar Straßen weiter hielt sie vor einem neumodischen Zweifamilienhaus. Sie stieg aus, schloss den Wagen ab und sah sich um. Vielleicht war ihr einer von Bienleins Schergen gefolgt, denn sie war nicht sicher, ob Bienlein nicht vielleicht doch mittlerweile gemerkt hatte, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Weit und breit war allerdings kein Auto zu sehen, was für diese ruhige Wohnlage durchaus nichts Ungewöhnliches war.

Beruhigt, aber gleichzeitig ein wenig enttäuscht darüber, dass Bienlein so unsensibel war und nicht mitbekam, wenn sie Sorgen hatte, ging Sevi zur Haustür und klingelte. Nur zwei Sekunden später wurde die Tür aufgerissen, und ein Schatten erschien im Türrahmen.

"Endlich!" rief eine Frauenstimme. "Ich habe schon sehnsüchtigst auf dich gewartet!" Der Schatten bewegte sich und entpuppte sich als hübsche Frau, die etwas größer als Sevi war.

"Schneller konnte ich nicht kommen!" entschuldigte sich Sevi. "Bienlein..."

"Komm erst mal rein!" unterbrach sie die Frau. Sevi betrat das Haus und schloss die Tür hinter sich.

"Miakoda, wie habe ich dich vermisst!" rief Sevi nun aus und fiel der Frau um den Hals. Dann küssten sie sich leidenschaftlich.

"Lass uns keine Zeit verlieren! Bienlein, dieser Idiot, will morgen unbedingt nach Brasilien fliegen, und ich soll ihn begleiten, also lass uns dieses letzte Mal vor meiner Reise auskosten!" meinte sie dann und begann, ihrer Geliebten die Klamotten vom Körper zu reißen. Zuerst musste der Pullover dran glauben. Darunter trug Miakoda nur noch einen schwarzen, halbdurchsichtigen Spitzen-BH. Dem Pullover folgte ihre Hose. Ein zum BH passender Slip kam zum Vorschein.

Nun bremste Miakoda Sevis Enthusiasmus. "Doch nicht im Flur. Ich habe im Schlafzimmer extra das Bett zurechtgemacht." Sie lächelte verführerisch.

Sevi nickte heftig. Während ihres Weges ins Schlafzimmer entledigte sie sich ihrer Kleidung, bis sie wie Miakoda nur noch BH und Slip, in roter Farbe, trug. Im Schlafzimmer angekommen, warf sie sich aufs Bett und zerrte Miakoda mit sich.

Sie küssten sich wild und streichelten sich erregt am ganzen Körper...

Punkt acht Uhr am nächsten Morgen klingelte Highflyer bei IndianaJones. Eine geschlagene Minute später, Highflyer wollte gerade ein zweites Mal klingeln, öffnete sich die Tür, und IndianaJones und MasterT traten heraus, in jeder Hand einen schweren Reisekoffer. "Morgen", sagte Highflyer kurz. Die beiden anderen entgegneten ebenso.

IndianaJones schloss die Haustür ab, dann gingen sie zum Auto, eine rabenschwarze Limousine, ein wahrer Luxusschlitten. Highflyer öffnete Indiana und seinem Assistenten die hintere Tür und ließ sie einsteigen, ehe er um den Wagen herumging und sich auf den Fahrersitz setzte.

Drinnen wurden die beiden bereits von Bienlein und Sevi erwartet. Bienlein sah nicht sehr glücklich aus. Er warf einen tadelnden Blick auf die Uhr, enthielt sich aber jeden Kommentars. Seine Assistentin wirkte so, als wäre sie gar nicht da. Ihr Blick ging ins Leere, aber IndianaJones wollte nicht darüber nachdenken. Stattdessen entschuldigte er sich bei Bienlein ob der Minute Verspätung.

"Kein Problem", antwortete Bienlein. "Ich bin sicher, dass wir den Flieger nach Brasilien dadurch nicht verpassen werden. Nur merken Sie sich für die Zukunft eines: Nämlich dass ich weitere Verspätungen nicht dulden werde. Verstanden? Sie arbeiten nun für mich, also sollten Sie sich an meine Anweisungen halten."

Dann drückte er einen Knopf auf der Tastatur in der Tür. "Ja?" drang Highflyers Stimme aus einem kleinen Lautsprecher daneben. "Fahr los!" befahl Bienlein.

Langsam setzte sich der Wagen in Bewegung. IndianaJones überlegte, ob er eine Unterhaltung anfangen wollte, aber Bienlein nahm demonstrativ eine Zeitung zur Hand und verbarg sich dahinter. Und Sevi schien in einer ganz anderen Welt zu verweilen...


Bereits eine Stunde später saßen sie im Flugzeug und warteten darauf, dass es startete. Sevi saß neben Bienlein in der ersten Klasse, während IndianaJones, MasterT und Highflyer mit Sitzen in der zweiten Klasse vorlieb nehmen mussten. Keiner der drei beschwerte sich darüber, aber das nur, weil ihnen die Konsequenzen einer solchen Handlung überaus klar waren. Mit Bienlein war nicht zu scherzen. Also versuchte man es am besten gar nicht erst.

Sevi war immer noch nicht wirklich aus ihrer Gedankenwelt aufgetaucht, nur bei der Passkontrolle für einen Moment. Bienlein fragte sich zwar, was mit ihr los war, aber im Moment beschäftigten ihn einfach wichtigere Dinge. Um Sevi und ihre Probleme konnte er sich nach ihrer Reise nach Brasilien immer noch kümmern. Wenn alles glatt lief, würden sie sowieso nur ein paar Tage, maximal eine Woche dort sein. Sie wussten, wo sie suchten mussten, also konnte es gar nicht länger dauern.

Endlich bekamen die Passagiere mitgeteilt, dass das Flugzeug starten würde. Und nur wenige Minuten später waren sie auch schon in der Luft.

Bald, dachte Bienlein, bald schon werde ich im Besitz einer Waffe gegen die Magie sein. Ein breites, böses Grinsen erschien auf seinem Gesicht. Dann schloss er die Augen, um den Flug über zu schlafen...


Er stand auf einer weiten Ebene. Der Boden war schwarz und glänzte im Licht der Sonne, als wäre er aus Glas. Er bückte sich, strich mit den Fingern über den Boden und erschauderte, als er feststellte, dass der Boden aus Glas war! Der Boden war uneben, überall gab es Krater, Verwerfungen und Formen, die aussahen, als wären Häuser und Bäume zu Stein erstarrt und dann glasiert worden. Welche Gewalten mussten hier getobt haben!

Ein Grinsen erschien auf seinem Gesicht. Die Landschaft war eigentlich ganz nach seinem Geschmack. Der Tod herrschte hier, der gläserne Boden bot dem Leben nicht den geringsten Haltepunkt. Nicht einmal die primitivsten Lebewesen konnten hier existieren, das spürte er einfach.

Er stieß ein begeistertes Lachen aus, das über die Ebene hallte und sich in der Ferne verlief. In alle Richtungen gab es nur diese Ebene, lediglich in der Ferne gewahrte er ein Gebirge, aber aus dem schwarzen Glitzern des Felsens schloss er, dass es ebenfalls aus Glas bestehen musste. Aus verbrannter Erde.

Hier war es einfach wunderbar!

Plötzlich verdunkelte ein Schatten für den Bruchteil einer Sekunde die Sonne, und in dieser Zeitspanne legte sich ein bewegtes Bild über die Ebene. Er sah Menschen, die durch Straßen liefen, in Gebäude hineingingen oder herauskamen. Gebäude, die nunmehr zu Glas und Schlacke verbrannt waren.

Dann war der Augenblick vorbei, gerade als er in der Vision ebenfalls einen Schatten am Himmel sah. Einen riesigen Schatten mit Flügeln...

Er schüttelte das Bild ab und schaute stattdessen mit gegen die Sonne abgeschirmten Augen zum Himmel. Er suchte nach dem Schatten - und er fand ihn. Es war nur ein kleiner, sich schnell über den aschgrauen Himmel bewegender Punkt. Die Bewegung war zu regellos, zu ungerichtet, zu konfus, als dass sich dort ein Flugzeug oder selbst ein Hubschrauber über den Himmel bewegen konnte. Also gab es hier doch Leben, in Form eines vereinzelten Vogels, sicher auf der Suche nach Nahrung. Nun, es gab hier keine, also würde er elendig verhungern. Das freute ihn.

Er wandte den Blick ab und suchte in seiner näheren Umgebung nach etwas Interessantem. Doch mit einem Mal fiel ihm ein, dass ihn etwas an dem Vogel gestört hatte. Seine Größe nämlich. Der Vogel war weit weg gewesen, und dennoch hatte er ihn noch sehen können. Also musste er relativ groß gewesen sein.

Sein Blick irrte erneut hoch zum Himmel, zurück zu der Stelle, an der er den Vogel zuletzt gesehen hatte. Dort kreiste der Vogel noch immer, aber er war näher gekommen, und nun konnte der Mann erkennen, dass der Vogel riesig sein musste. Und - aber das konnte nicht sein.

Wieder verdunkelte ein Schatten die Sonne. Er sah auf, gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie sich ein zweiter Vogel über die Ebene schwang und sich zum ersten gesellte. Leider verhinderte der direkte Blick gegen die Sonne zunächst, dass er mehr von dem Vogel erkennen konnte, und dann war er einfach zu weit entfernt, aber auch dieser Vogel - besaß einen beweglichen, hin und her pendelnden Schwanz!

Nun gut, dann gab es hier halt Vögel mit Schwänzen. Das konnte ihm egal sein. Alles, was ihn zu interessieren hatte, war der Weg von dieser Ebene hinunter. Da die Ebene in alle Richtungen gleich aussah, entschied er sich einfach für die, die ihn zum Gebirge führen würde. Vielleicht lag dahinter noch unverbranntes Land. Und wenn nicht, würde er von dort wenigstens sehen können, wie weit sich die Ebene tatsächlich erstreckte. Er - ein weiterer Schatten, der die Sonne verdeckte, unterbrach seine Gedanken. Diesmal erschien auch wieder ein Trugbild - das gleiche wie eben, nur diesmal konnte er den Schatten am Himmel in der Vision erkennen, bevor das Bild wieder erlosch. Es schien einer der Vögel zu sein...

Nun kreisten bereits drei Vögel am Himmel. Er sah sich in alle Richtungen um, konnte jedoch keine weiteren erkennen. Allerdings hatte er sie vorher auch noch nicht bemerkt. Woher also waren sie gekommen? Hatten sie ihr Nest eventuell am Boden? Wie viele von ihnen gab es dort noch? Und vor allem: Konnten sie ihm gefährlich werden?

Die letzte Frage verwarf er sofort wieder. Es waren schließlich nur Vögel. Als solche konnten sie einem Menschen nicht gefährlich werden. Vor allem würden sie sich nicht trauen, ihn anzugreifen.

Die Sonne wurde ein viertes Mal verdunkelt, und der Angriff begann. Plötzlich flogen die Vögel direkt auf ihn zu. Dabei brüllten sie aus vollen, zornigen Kehlen. Aber Vögel brüllten doch nicht... Dachte er, dann sah er schon, worin die Lösung lag. Es waren keine Vögel - sondern Drachen. Schwarze, mehr als elefantengroße Bestien, mit Schwingen, so breit, wie ein Fußballfeld lang war. Und mit einemmal begriff er, welche Gewalten hier getobt hatten.

Da spieen die Drachen auch schon Feuer, und gleich ihre erste Lohe traf ins Ziel...


Im einen Moment stand er in den Feuern der Hölle, im nächsten umfing ihn Vogelgezwitscher. Er konnte die Abwehrbewegung, die der eine Sekunde vorher noch begonnen hatte, nicht mehr abbremsen und fiel hin, zu Fall gebracht vom Schwung der Bewegung. Er landete weich, das Gras, das den Boden bedeckte, wuchs etwa kniehoch. Zwischen den Grashalmen sah er auch viele Arten von Blumen.

Er erhob sich, klopfte sich die Pollen von den Pflanzen von der Kleidung und sah sich um.

Wie es aussah, war er geradewegs aus der Hölle in den Himmel gekommen. Eine hügelige, über und über grasbewachsene Ebene, soweit das Auge reichte. Ein Farbenmeer, wie man es sich schrecklicher nicht vorstellen konnte. Und dazwischen Bäume, auf deren Ästen sich Vögel tummelten, deren widerliches Gezwitscher ihn in Empfang genommen hatte. Er wünschte sich, auch nur einen Vogel in die Finger zu bekommen und wenigstens dessen Gesang ein Ende bereiten zu können. Doch kein Vogel kam ihm auch nur nahe.

Er ging den Hügel hinunter, auf dem er "angekommen" war - für den Bruchteil einer Sekunde kam es ihm merkwürdig vor, dass er seinen Ortswechsel so gelassen hinnahm und gar nicht weiter darüber nachdachte, doch dann verschwand der Gedanke wie weggefegt - und schlug die Richtung zum nächsten Baum ein. Wenn die Vögel nicht zu ihm kamen, würde er sich zu ihnen begeben, so einfach war das.

Doch er erreichte den Baum nie. Kurz vorher hörte er ein helles Lachen, wandte den Kopf, um nach der Quelle zu suchen und fand sie in Form einer wunderschönen Frau, die er unzweifelhaft als Elfe identifizierte. Zu unübersehbar war das Paar Flügel auf ihrem Rücken. Vergessen waren auf der Stelle der Baum und die Vögel. Warum sich damit begnügen, einen kleinen Vogel zu töten, wenn man stattdessen einer Elfe die Flügel ausreißen konnte?

Noch hatte ihn die Elfe nicht bemerkt. Sie spielte gedankenverloren mit einem kleinen Vogel, der ihn für einen winzigen Augenblick an die Drachen aus der Hölle erinnerte, und hatte für ihre Umgebung keine Augen. Gut für ihn.

Vorsichtig und jede Deckung ausnutzend, schlich er sich an sie heran. Ein gehässiges Grinsen umspielte seine Lippen, in Gedanken malte er sich schon die Dinge aus, die er der Elfe antun würde.

Schließlich wurde er doch entdeckt, und zwar von dem Vogel, der auf der Hand der Elfe hockte und ein tiefes Brummen ausstieß, als er den Fremden entdeckte, der hinter einem Strauch hervorlugte. Sofort schaute auch die Elfe in seine Richtung. Sie lächelte ihn schüchtern an, und er beschloss, sich ihr noch nicht gleich zu offenbaren, sondern sich zu verstellen, damit er ohne große Probleme an sie herankam.

Da hatte er allerdings die Rechnung ohne den Vogel gemacht. Dieser kreischte wild, als er näher kam, und stürzte sich behende auf ihn. Im Reflex fischte er das Tier aus der Luft und brach ihm in der gleichen Bewegung das Genick. Entsetzt schluchzte die Elfe auf. Erst jetzt bemerkte er, dass der Vogel nicht nur Ähnlichkeit mit den Drachen besaß - beziehungsweise besessen hatte -, nein, vielmehr war er eine sehr viel kleinere Ausgabe von ihnen. Nun gut, so hatte er sich also auch an ihnen für ihren Angriff rächen können. Er –

Ein Schatten verdunkelte die Sonne, dann ein weiterer, ein dritter, ein vierter...

Er sah auf. Da waren sie wieder, seine Schimären. Doch sie waren größer geworden. Nun war allein ihr Kopf so gewaltig wie ein Bulldozer, nur ihre Augen waren klein und blitzten vor Heimtücke. Sie brüllten ihn an - und dann stürzten sie sich wie auf ein Zeichen auf ihn.

Er stürzte zur Elfe, griff nach ihr, um sie als Schutzschild zu benutzen - aber seine Hände durchdrangen ihren Körper einfach, als wäre er aus Luft. Und so schien es auch zu sein. Ihre Umrisse flackerten, dann verwehte sie wie eine Rauchfahne. Verblüfft starrte er auf die Stelle, an der die Elfe soeben noch gestanden hatte.

Dann waren die Drachen auch schon heran. Und die Feuer der Hölle hatten ihn wieder...


Mit einem Schrei fuhr er hoch. Er zitterte am ganzen Leib, ihm war so heiß wie nie zuvor – und doch lebte er noch, war nicht verbrannt im Drachenfeuer.

Er sah sich um. Als er seine Umgebung als das Flugzeug nach Brasilien erkannte, wurde ihm bewusst, dass er nur geträumt hatte. Dem Prozessor sei Dank, dachte er. Sein Herz raste immer noch, Schweiß stand ihm auf der Stirn und sein Atem ging keuchend. Er drehte den Kopf nach rechts, um zu sehen, ob Sevi seinen Zustand bemerkt hatte, aber sie saß nur da, eine Frauenzeitschrift vor sich auf den Knien aufgeschlagen und scheinbar darin lesend.

Nicht zu fassen, dass sie nicht bemerkt hatte, wie schlecht es ihm ging, dachte er wütend.

„Hey!“ sagte er. Doch sie reagierte nicht. Erst als er ihr die Zeitschrift mit Gewalt aus der Hand riss, wandte sie ihm den Kopf zu, aber ihr Blick schien zuerst durch ihn hindurchzugehen.

„Was-?“ begann sie, dann fixierte sich ihr Blick auf ihn, und sie schien zu erkennen, wie es um ihn stand. „Och, was ist denn mit dir? Hast du schlecht geträumt?“

Bienlein nickte. „Danke, dass du es auch endlich bemerkst“, entgegnete er zynisch. „Aber egal, es war nur ein lächerlicher Alptraum.“

Ein Schatten strich am Fenster vorbei. Erschrocken schaute Bienlein zum Fenster, doch draußen war nichts zu sehen. Flogen sie nicht zu hoch für Vögel? Aber die Drachen konnten es unmöglich sein. Es war sicher nur eine kleine Wolke gewesen, die für kurze Zeit die Sonne verdeckt und ihm die Illusion vermittelt hatte, das Fenster würde verdeckt.

Dann jedoch gewahrte er vier Punkte, die auf das Flugzeug zujagten. „Das kann nicht sein!“ keuchte er. Doch schon ein paar Augenblicke später wurde aus seiner Ahnung Gewissheit, als sich die vier Punkte als Drachen entpuppten. Diesmal waren sie nicht gewachsen, aber sie waren nicht länger allein. Bienlein entdeckte auf dem Rücken eines jeden Drachen zwei im Vergleich zu den Bestien winzige Gestalten, von denen jeweils eine Zügel in der Hand hielt und die Drachen lenkte.

Mehr konnte er nicht entdecken, denn zum dritten Mal griffen ihn die Drachen an, und die Welt erlosch in ihrem Feuer...


Eine Hand rüttelte ihn wach. Er öffnete die Augen und sah direkt in Sevis besorgtes Gesicht. „Alles in Ordnung?“ fragte sie.

Unwirsch fegte er ihre Hand beiseite. „Ja, alles bestens, das siehst du doch. Ich hatte nur einen Alptraum.“ Bei dem Gedanken sah er hastig aus dem Fenster, aber dort konnte er kein einziges Lebewesen entdecken, weder einen Vogel, noch einen Drachen. Diesmal schien er wirklich aufgewacht zu sein. Es gab allerdings eine Methode, um das genau herauszufinden.

„Kneif mich!“ sagte er zu Sevi. Sie sah ihn überrascht an, tat ihm aber den Gefallen und kniff ihn in den Arm. „Autsch!“ entfuhr es ihm. Okay, der Traum schien also vorbei zu sein, denn er hatte den Schmerz deutlich gefühlt. Aber das musste nichts bedeuten, fiel ihm ein, denn er glaubte sich zu erinnern, auch in seinem Traum Schmerzen empfunden zu haben...

Der Traum war vorbei, sagte er sich. Basta!

Mit einem Tuch wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Doch sein Herz raste immer noch und schien nicht damit aufhören zu wollen.

Er sah zu Sevi hinüber. Vielleicht konnte sie ihm helfen, sich ein wenig von seinem Traum abzulenken...

„In fünf Minuten auf der Toilette!“ flüsterte er ihr zu und ging schon mal vor.

Sevi sah ihm entgeistert hinterher...


Zwei Stunden später landete der Flieger in Rio de Janeiro. Heiße, stickige Luft, die Bienlein unvermittelt an den Drachenatem erinnerte, empfing sie beim Ausstieg. Doch er verdrängte den Gedanken sofort wieder. Das war nur ein Traum gewesen, und es war ihm peinlich, dass er davon derart in Panik versetzt worden war. Sicher, der Traum war sehr realistisch gewesen, aber da war er nicht sein erster. Und wie bei jedem Traum, verblassten mittlerweile bereits die Erinnerungen daran. Lediglich das Gefühl höllischer Hitze auf der Haut hielt sich hartnäckig... Dagegen war auch nicht sein Erlebnis mit Sevi auf der Flugzeugtoilette angekommen. Doch vom Rest hatte es ihn ablenken können, und dafür war er dankbar. Dass Sevi währenddessen nicht bei der Sache zu sein schien, war ihm allerdings nicht aufgefallen...

Eine weitere Stunde später standen die fünf vor dem Flughafen-Gebäude.

„Wohin jetzt?“ fragte Sevi.

„Ins Hotel“, schlug IndianaJones vor. „Ich brauche jetzt erst mal eine Dusche.“

Doch Bienlein winkte ab. „Duschen können wir später noch. Ich will sofort zur Ausgrabungsstätte. Professor, Sie kennen den Weg. Bringen Sie uns dorthin!“

IndianaJones lag ein Wort der Entgegnung auf der Zunge, aber ein Blick in Bienleins kalte blaue Augen brachte ihn zur Raison. Abrupt wandte er sich ab und winkte zwei Taxis herbei, mit denen sie zur Ausgrabungsstelle fahren würden.

Was für Tag, dachte IndianaJones.

Dabei war der Tag noch nicht vorbei...

Zur gleichen Zeit war eLa unterwegs zu Thomas, der wie gewohnt auf den weitläufigen, üppig grünen Wiesen am Rande des Waldes umherstreifte, um immer zu mindestens den größten Teil der etwa 20-köpfigen Einhornherde im Auge zu behalten.

Die Hohe Elfe konnte ihn schon von weitem erkennen, eine einzige zweibeinige Gestalt, zwischen den gehörnten Pferden. Auf den ersten Blick mochte sie menschenähnlich wirken. Bei näherem Hinsehen musste jedoch jedem auffallen, dass dieser Eindruck täuschte. Thomas konnte kein Mensch oder zumindest nicht ausschließlich von menschlicher Abstammung sein, denn er war ein ganzes Stück kleiner als gewöhnliche Menschen. Außerdem wäre er als solcher kaum ein Teil der magischen Welt gewesen, denn seit einigen hundert Jahren hatte kein Mensch mehr diese Welt betreten – bis zu den Ereignissen des gestrigen Tages.

Wie bei allen Tierhütern, bei einigen weniger, bei anderen sehr viel, floss auch in Thomas` Adern Koboldblut. Diejenigen unter ihnen mit dem meisten Anteil Koboldblut – so auch der Einhornhirte – hatten noch heute die Gabe, den bis zum Rand mit Gold gefüllten Kessel am Ende des Regenbogens zu finden und Glück über die zu bringen, über die sie es streuten.

Dass sie diese Fähigkeiten allerdings nur noch sehr selten und in Ausnahmefällen benutzten, lag zum einen daran, dass die magische Welt sehr harmonisch und friedlich war, zum großen Teil aber auch daran, dass die Goldreserven zur Neige gingen. Denn der Goldkessel war immer nur am Ende solcher Regenbögen zu finden, die Brücken zwischen den Welten schlugen, einen Bogen spannten über die Welt der Magie und dem, was heute die technisierte Welt war, und ihren Anfang in dieser hatten. Solch ein Ereignis hatte es aber zum letzten Mal vor über 100 Jahren gegeben, denn alles Magische geriet in Vergessenheit, so dass die Welten immer weiter auseinander driften und sich von einander entfernen.

So hatten die Kobolde und ihre Nachfahren – deren Blut sich im Laufe der Generationen mit dem der Menschen, aber auch vieler anderer Wesen vermischt hatte – andere Aufgaben übernommen. Deshalb waren sie jetzt für die Pflege und Haltung der Tiere zuständig.

Als eLa landete, stand Thomas mit dem Rücken an einen breitstämmigen, freistehenden Baum gelehnt, seine Augen auf eine kleine Gruppe der pferdeartigen Geschöpfe gerichtet. Ein erwachsenes Tier stand auf der Wiese unweit von Thomas, den Kopf stolz erhoben. Das einzelne Horn, das sich auf seiner Stirn befand, schimmerte weißlich grau, ein paar einzelne Sonnenstrahlen reflektierend.

Nicht weit von ihm entfernt spielten zwei Fohlen miteinander. Anders als das strahlend weiße Fell ihrer Mutter (bei Einhörnern waren Zwillingsgeburten der Regelfall) war das der Jungtiere silbergrau und glitzerte im Licht leicht. Außerdem hatten sie keine Hörner. Diese würden erst in den nächsten Jahren wachsen, in denen auch ihr Fell langsam heller werden würde.

Auf Thomas’ Gesicht lag ein leichtes Lächeln, als er das ausgelassene und unbekümmerte Spiel der beiden Fohlen beobachtete. Er war so darin vertieft, dass er die Elfe gar nicht bemerkte, die sich ihm langsam – über dem Boden schwebend und fast geräuschlos – näherte.

Erst als eLa ihn leise ansprach, zuckte er zusammen, nur damit sein Lächeln noch breiter wurde, als er den Ursprung der Stimme erkannte.

„eLa! Hoheit, was verschafft mir die Ehre?“

„Thomas!“ stöhnte die Angesprochene und verdrehte dabei theatralisch die Augen. „Ich hab' dir schon 1000 Mal gesagt, du sollst das endlich lassen!“

„Oh, Entschuldigung.“ Etwas geknickt ließ er den Kopf hängen, wenn auch nicht länger als für höchstens vier Sekunden. Dann schnellte sein Kopf erneut mit einem strahlenden Lächeln auf den Lippen empor.

„Womit kann ich helfen?“

„Helfen“ war genau das Stichwort der Hohen Elfe gewesen. Die Beiden setzten sich in das weiche, grüne Gras, und sie begann ihm die ganze Geschichte, wenn auch in stark komprimierter Form, zu erzählen. Sie machte dabei keine Pause, und wenn Thomas sie unterbrechen wollte, warf sie ihm einen strafenden Blick zu, der ihn sofort wieder verstummen ließ. „Und jetzt versuchen Kati, Tinkerbell und ich so viele von uns wie möglich von dieser Sache zu überzeugen, bevor wir heute Abend vor dem Elfenrat sprechen. Andris ist bestimmt dagegen, und deswegen müssen wir so viele Stimmen wie möglich bekommen“, schloss eLa ihren Bericht und sah ihr Gegenüber an. Dieser – unschlüssig, ob er jetzt sprechen sollte – schwieg nur und nickte. Da aber eLa scheinbar wirklich fertig zu sein schien, ergriff er schließlich doch etwas zögerlich das Wort.

„Ich verstehe, und ich würde wahnsinnig gerne helfen, aber wie? Ich bin ja keine Elfe, ich bin nicht in eurem Rat...“

Etwas unschlüssig sah er eLa an. Diese nickte, sie hatte mit diesem Einwand gerechnet. „Ja, aber ich denke... Wenn du versuchen könntest, ein paar von deinen Leuten auf unsere Seite zu ziehen... Wenn die ganze magische Welt oder wenigstens ein großer Teil davon hinter uns steht, wird Andris vielleicht eher zustimmen.

Außerdem“, sie senkte ihre Stimme, obwohl weit und breit niemand außer den Einhörner zu sehen war. „Thomas, diesen Menschen, den wir gerettet haben, er braucht unsere Hilfe, wir können ihn nicht einfach zurück schicken und ihm seinem Schicksal überlassen. Wir werden ihm helfen, egal wie der Rat heute Nacht entscheidet. Und deswegen brauchen wir jede Unterstützung, die wir kriegen können. Und das so schnell wie möglich. Die Zeit vergeht in der Welt der Menschen anders, schneller! Während wir hier sitzen und beratschlagen, ziehen sie dort vielleicht schon ihre Truppen gegen uns zusammen. Uns bleibt also nicht viel Zeit.“

Ernst, aber entschlossen sah die Elfe Thomas in die Augen.

„Können wir auf dich zählen?“

Dieser überlegte einen kurzen Augenblick, nickte aber dann. Er warf einen kurzen Blick zu den Fohlen, die immer noch ausgelassen über die Wiese tobten, ständig unter den wachsamen Augen ihrer Mutter, und dann wieder zurück zu eLa.

„Ich tue, was ich kann!“

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